Kabarett war früher eine TV-Attraktion! Lach- und Schießgesellschaft, Stachelschweine, Kom(m)ödchen - Dieter Hildebrandt, Wolfgang Gruner, Lore Lorentz waren Stars im Fernsehen der 60er, 70er und 80er Jahre. Ebenso Hans-Jürgen Diedrich ("Dietzsch"), Klaus Havenstein, Ursula Noack, Achim Strietzel (u.a. als Brandt-Parodist), Jürgen Scheller, Günter Pfitzmann, Wolfgang Neuss, Dieter Hallervorden (noch nicht "Didi"), später Horst Jüssen, Bruno Jonas, Thomas Freitag, Harald Schmidt, Henning Venske, Jochen Busse, Lisa Fitz, Werner Schneyder, Hanns-Dieter Hüsch, Mathias Richling, Gerhard Polt, Richard Rogler u.v.a.
Neben den Bühnenprogrammen aus München (z.B. "Schimpf vor Zwölf" zu Silvester), Berlin und Düsseldorf gab es die "Notizen aus der Provinz" (ZDF) und dann, bis heute, den "Scheibenwischer" (SFB).
Ich komme auf dieses Thema, weil ich gerade mal wieder die herrliche Ulbricht-Parodie der Stachelschweine gesehen habe, von Anfang oder Mitte der 60er Jahre: Ulbricht (Wolfgang Gruner) ist prominenter Rategast bei "Was bin ich?" mit Günter Pfitzmann als Robert Lembke, Inge Wolffberg als Annette von Aretin und Achim Strietzel als ratender Staatsanwalt Hans Sachs: "Sprechen Sie Deutsch?" - Lembke/Pfitzmann: "Sag'n mer jein, gell?"
Ein anderer Kabarett-Klassiker ist natürlich der Tschernobyl-Auftritt von Lisa Fitz im "Scheibenwischer", die sich am Telefon erkundigt, was denn nun mit ihrem Opa geschehen soll. Der hätte neulich geschlagene 2 Stunden im Regen gesessen und ob er da nicht, wo er sich doch nur noch auf seine Beerdigung freut, wenn's denn soweit ist, als Sondermüll begraben werden müsste. Bitterböse, aber gut!
Nachtrag zur Ulbricht-Parodie: Marianne Koch dürfte wohl von Beate Hasenau gespielt worden sein. - Etwas schwierig, weil die "Ratenden" ja gemäß den Spielregeln maskiert waren ("prominenter Rategast").
Mit Kabarett konnte ich damals relativ wenig anfangen. Mein Stiefvater liebte die Lach- und Schießgesellschaft, mir war das damals viel zu politisch (ich habe auch vieles nicht verstanden, kein Wunder, war noch zu jung dazu). Und gerade weil ich es damals nicht verstand und immer anschauen mußte, konnte ich keine rechte Liebe dazu entwickeln.
Es überrascht mich, dass die Resonanz hier so gering ist, handelte es sich bei den Kabarett-Sendungen in den 60ern und 70ern doch um große TV-Ereignisse! Insbesondere "Schimpf vor Zwölf" zu Silvester mit der Lach- und Schießgesellschaft: ich kann mich erinnern, dass Hildebrandt und Co. einmal unabsichtlich über Mitternacht hinaus gespielt haben - und deswegen die halbe Nation den Moment des Jahreswechsels verpasst hat!
Man kann ja über Marcel R.R. immer trefflich streiten, aber er hat natürlich nicht unrecht, was große Teile des Fernsehprogrammes betrifft. speziell die gehobenen Unterhaltungssendungen wie z.B. einst das Kabarett, das sich heutzutage mit einem Großteil sogenannten Comedy-Unsinns auseinander setzten muss, dümpelt tief an der seichten Kalauer-Oberfläche. Auch Harald Schmidt rutscht leider immer tiefer in die Niederungen des ungepflegten Blödsinns! Aber dank den Geschehnissen zuletzt rund um Bayern(von Jürgen K. sei hier noch gar nicht die Rede)hat ja so manch Scheibenwischer mit Schimpf vor 12 wieder so richtig Fahrt aufgenommen. Allerdings: Die CSU-Oberen haben dazu die Kaberettisten gar nicht nötig gehabt, das haben sie auch locker von alleine auf die Reihe gebracht und sich bundesweit zur Lach und Schiessgesellschaft gemacht! Klar, ich fand die Sendungen damals auch klasse und es ist schon ein Jammer, dass dem deutschen Fernsehen so langsam die Hildebrände im Wohnzimmer ausgehen und man ertragen muss, wer so alles zur besten Sende-Zeit an die Mattscheibe pochert..
Der letzte "Scheibenwischer", den ich gesehen habe, war, glaube ich, zum letzten Silvester. Mager, mager, dünne Pointen, keine Inhalte, keine Aha-Effekte. Hab's nicht bis zum Ende gesehen.
Das ist wahr. Habe irgendwann im Frühjahr einen gesehen. Aber da waren Beckstein, Klinsmann und Co auch noch nicht so in Hochform wie jetzt. Sollte doch Auftrieb geben, oder?
Oh ja. Und morgen dann bei Tommy Gottschalk..Das Gespräch wurde gestern im Wiesbadener Kurhaus geführt ... unter strengster Geheimhaltung... Ein Fall für 2 ist nichts dagegen, oder doch Kabarett pur? Bin gespannt.
Thomas Freitag, in seinen Anfängen beim Düsseldorfer "Kom(m)ödchen", hat ja des öfteren solche Promi-Gespräche imitiert: etwa Strauß, Brandt und Wehner im Altersheim oder die "leider nie gehaltene" Abschiedsrede von Herbert Wehner im Bundestag: "... Herr von Quassel an der Strippe oder welchen Namen sie sonst - - mißbrauchen ... [brüllend] IHR LOB TRIFFT MICH IN KEINER WEISE! ... Ich hoffe, Sie können mir meine kleinen Leidenschaften verzeihen! Ich hätte Ihnen die Ihrigen auch gerne verziehen!"
Mimik und Tonfall muss man sich hier ganz besonders intensiv dazu denken.
Fernsehen macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer. Und zur Zeit ist das Interesse an Dummen wohl überragend. Abschreckendes Beispiel: USA. Soviel military and economical power combined mit so einem erachreckenden Ausmaß an Doofheit kann einen nur zur Verzweiflung treiben. Fragt mich ein amerikanischer Diplomat in Aden: " Oh, sie kommen aus Deutschland, sind sie mit dem Auto hier?" Ich glaube, daß das Kabarett die Doofheit unserer politischen Klasse überhaupt nicht mehr persiflieren kann - da ist die Realität einfach weiter als das Kabarett. Es läuft momentan eben alles suboptimal.
Won`t you tell me, where have all the good times gone? (Ray Davies)
Ich bin eben ein Nostalgiker und fühle mich in den alten Zeiten sauwohl.