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Elaine: Da ich bei unterschiedlichen Auffassungen nie die Person angreife, sondern nur (hoffentlich) gut begründet ihre (hoffentlich) auch begründete Sicht der Dinge, kann ich mich eigentlich nicht mit einem Fan von Agatha Christie wirklich anlegen.
Elaine und Petra: Keine Autorin und kein Autor haben irgendeine privilegierte Position für oder Sicht auf das von ihnen Geschaffene. Das gilt bereits für das Buch (die Skulptur, die Schnitzerei, das Bild etc.). Nehmen wir eine Autorin, beliebig welche, und nennen wir sie zufälligerweise Agatha. Agatha ist noch ein kleines Mädchen, sehr talentiert im Schreiben, und sie verfasst ein erstes Buch. Niemand kennt es. Es ist bislang ihre ureigene Vorstellungskraft. Nun lässt sie es drucken, behält das Urheberrecht für Nachdrucke etc., nicht aber räumt sie sich ein Recht ein (oder könnte solches tun), den Leuten vorzuschreiben, wie sie das Buch zu lesen, zu sehen und zu fühlen haben. Sie hat es in den Verkauf gebracht, und nun gehört das Buch den Leserinnen und Lesern (darunter auch Drehbuchautoren/innen und Regisseure), denn das Geschriebene enftaltet im Akt des Lesens ein Eigenleben. Nehmen wir eine beliebige Leserin, ein Mädchen namens Margareth. Sie kauft sich das Buch. Von dem Augenblick an, wo Margareth sich analysierend und interpretierend ein Buch ANEIGNET, wird das von ihr im Verlaufe der Lektüre und im andauernden Wechselspiel zwischen ihr und dem Text selbst geschaffene Gebilde von emotionalen und geistigen Verbindungen ihr ureigenes Erzeugnis. Sie ist ein kluges Mädchen, denn immer wenn sie mit jemandem über das Buch diskutiert, belegt sie ihre Aussagen. Sie trifft das andere Mädchen Agatha, die talentierte Schreiberin.
Agatha: Nein, nein und nochmals nein, es ist so in meinem Buch, bei mir ist die Person so, die Sache in meinem Buch ist so, weil ich es so sehe und selbst erschaffen habe. Margareth: Hier ist uns allen erkennbar dieses A gegeben, deshalb glaube ich, dass B geltend gemacht werden kann. Agatha: Worauf beziehst du dich? Margareth: Meine Behauptung B stützt sich auf das uns vorliegende A, nenne es Daten, Tatsachen oder Voraussetzungen. Agatha: Gut, aber wie kommst du dahin? Margareth: Wo auch immer A, ist der Schluss auf B gerechtfertigt, kurz: B wegen A. Ich will es genauer und zugleich vorsichtiger sagen: Aufgrund von A gilt B notwendigerweise, es sei denn, es gäbe ein C. Ich seh' keins, siehst du eins? Agatha: Im Moment nicht. (Agatha ist ja auch ein gewieftes Mädchen und daher fragt sie:) Aber dieser regelhafte Übergang "Wo auch immer A, da auch B", das ist doch Willkür, das ist doch deine Definition, dieser Zusammenhang. Margareth: Dieser regelhafte Zusammenhang lässt sich selbst wiederum stützen aufgrund der anderen Textmerkmale G,H,I im Zusammenhang J. Aber auch aufgrund des Prinzips X, und auch mit der anerkannten Erfahrung Y, nicht zuletzt aber mit den Untersuchungsergebnissen des Ehepaars Z. Agatha: Aber dein "notwendigerweise" gefällt mir nicht. Ich lass mich nicht von dir und niemandem zu etwas zwingen, schon gar nicht auf dem Gebiete meines Buches. Margareth: Nicht ich oder sonstwer zwingen dich, es ist nur ein bezwingendes Argument, wenn du ihm kein anderes entgegenhältst! Und "notwendigerweise" lässt sich zugebenermassen nicht immer, sondern eher selten sagen; oft kann man nämlich nur "wahrscheinlich" oder "hochwahrscheinlich" oder so etwas sagen. Guck, Agatha, du bist ja ein Riesentalent, aber erst 14 Jahre alt. Hmmh: Gegeben ist uns: Agatha ist eine sehr talentierte Schreiberin. Das war jetzt die Tatsache, das Vorausgesetzte. Nun weiter der regelhafte Zusammenhang: Wer auch immer eine sehr talentierte Schreiberin ist, hat auch gute Aussichten im späteren Leben damit zu Erfolg zu kommen, es sei denn, ihr Talent entwickelt sich nicht mehr, ihr Eifer lässt nach und ... und. Also, Schlussfolgerung: Agatha wird als Erwachsene höchstwahrscheinlich (nicht: notwendigerweise) eine grosse Schrifttstellerin! Dies ist meine gut begründete Behauptung! Diese deine gut begründeten und guten Aussichten, Agatha, lassen sich, falls du sie angreifen solltest, noch stützen durch die grossen Untersuchungen des Ehepaars ZZ über den Zusammenhang von sehr begabten Schreiberinnen zwischen 13 und 15 Jahren in der mittleren Oberschicht, also genau deine soziale Lage.
Agatha: Es sei, wie es will. Das ist mein Buch, die Figur der Miss Cnorple ist meine Fantasie, meine Erfindung, nur ich, zum Kuckuck, weiss, wie sie zu sein und zu wirken hat, wofür sie zu stehen hat! Mein Verstehen des Buches und der Figuren ist favorisiert, privilegiert, monopolisiert, kanonisiert und auch ... Margareth: Nein, Agatha! Verstehen geht von den Aussagen des Textes aus. Verstehen heisst nicht nachplappern oder bloss nachvollziehen, was du beim Niederschreiben ausgesagt hast oder jetzt sagst und dir vorstellst, sondern heisst, die Sache selbst verstehen!!! Es wäre völlig ungenügend, nur auf dein Wort zu hören!! Die Sache könnte ja viel mehr Sinn und einen dauerhafteren Sinn haben, als dir gelungen ist, darzutun!!! Es könnte auch noch einen anderen interessanten Nebensinn haben, den du zwar hervorgerufen hast, aber ohne dir dessen bewusst zu sein! Also hast du auch keine Ahnung davon, aber andere erkennen es. Und sie teilen ihre Erkenntnis einander mit und verstehen sich!!
60 Jahre später in einem unbekannt sein wollenden Filmstudio anlässlich einer Literaturverfilmung durch die Regisseuse Margareth:
Margareth: Agatha, wir wollen jetzt dein Buch "Drei Jahre Ferien" verfilmen. Du hast dir hier im Vertrag bekanntlich ein Mitspracherecht für die jugendlichen Hauptdarsteller ausbedungen. Bitte, sieh mal hier die Probeaufnahmen ... Agatha: Igittigitt, pfui Spinne, was hat dieser Daniphon für gruselige lange Haare, und dieses lackierte, affige und affektierte Gesicht! Kommt nicht in Frage, in meiner Vorstellung sehe ich eine stämmigere Figur mit eher zurückhaltendem Mienenspiel, fast gleichgültig. In meinem Text steht, und so stelle ich mir das auch vor: mittellange Haare und nicht so ein gestriegelter und gelackter Fritze wie der da. Raus, weg mit dem Schauspieler! Wie heisst er? Was, Mario di Nepali!? Der Name sagt doch schon alles! Hinweg mit ihm! Schafft ihn mir aus den Augen, wo immer er auch sein mag! Margareth: Gut Agatha, beruhige dich! Hier haben wir nun als nächstes Christophe Safran in der Rolle des Serv ... Agatha: Was, schon wieder ein Franzose, einer reicht doch wohl? Margareth: Nein, er ist Rumäne. Agatha: Das ist ja die Höhe! Und der soll meinen englischen Jungen spielen! Ich will keinen schlanken, milde dreinblickenden, dunklen Zigeunerjungen, sondern einen markigen, wackeren, frech dreinglotzenden, rothaarigen oder blonden Engländer, ausnahmsweise Schotten in dieser Rolle, aber nicht solche Balkan-Hottentotten! Weg mit dem Gesindel! Margareth: Agatha, um dir die Wahrheit zu sagen und eine schöne Überraschung: Während du auf Weltreise warst, wurde der Film fertiggestellt, ist bereits angelaufen und gefällt vielen Menschen! Wir verliessen uns auf das Urteil von uns allen, es war einfach ... Agatha: Was, ihr habt es gegen mein exklusives, autoritatives Mitspracherecht gewagt! Elende Halunken! Wo ist mein Anwalt! Meine Anwaltskanzlei! Meine Smith & Wesson! Der Film wird beschlagnahmt! Originale und alle Kopien eingestanzt! Makulatur! Was sage ich: Verbrannt! Lochterlieh! Ich meine: Lichterloh! Das Filmteam wird verklagt und jeder Beteiligte mit Prozessen verfolgt! Bis zur letzten Instanz. Bis an sein erstes Lebensende. Bis ans Kaspische Meer! Ich bin Erfolgsautorin, ich bin Milliardärin, es ist mein Buch, es sind meine Figuren. Es sind meine Geschöpfe! Es ist meine Welt! Ich bin die Autorin, ich bin die Erzeugerin, ich bin ich, ich ...
Da kommt ein kleines Mädchen daher und ohrfeigt die keifende Alte: Halt den Rand, du Meckertante! Dieser Film und die, die ihn erschaffen haben, haben meine Fantasie für immer beflügelt und ein nie gekanntes aussergewöhnliches Gefühl bis zu meinem Lebensende in mir erweckt. Sie alle, die tollen Schauspieler, die Drehbuchschreiber, die Kameraleute, die Regie und viele andere haben in geheimnisvollem Zusammenwirken ihrer aller Verstehens- und Spielweisen etwas Wunderschönes in diese Welt gebracht, dass es vorher nicht gegeben hat. Dein Buch war nur ein Anlass, doch was diese Leute daraus gemacht haben, ist ein Gebilde, dessen Sinn zwischen uns und ihnen liegt. Für dich Kolonialistin im Paradies des Sinnes anderer Menschen ist hier kein Platz!
* * * Etliche Menchen glauben, z. B. ein Buch zu verstehen und bewerten zu können, wenn sie die Vorstellung oder die Absicht der Autors kennen. Nehmen wir an, Agatha sagt, sie wolle alleine mit diesen und jenen Stilmitteln, mit dieser Idee und allein im Genre des Kriminalromans den Eindruck von Mordlust aus übermenschlicher Güte für einen Dritten hervorrufen. Wir alle können nun fragen: Ist ihr das auch gelungen? Hat die Autorin es geschafft, ihren selbst formulierten Anspruch auch zu erfüllen? Um dies zu klären, müssen wir uns dem Buch selbst zuwenden (mit Blick auf die Sache, nicht auf die Klappe der Autorin!). Wir lesen es genau und stellen fest: Der Text ruft nicht den Eindruck von Mordlust aus übermenschlicher Güte für einen Dritten hervor, und wir könnten dies sogar begründen. Nichtsdestotrotz mag das Buch vielleicht toll sein. Es gefällt uns sogar!
Im Lesen analysieren und deuten wir einen Text, und wir bewerten ihn. Unsere Deutung kann jener des Autors unversöhnlich gegenüberstehen. Es ist nicht selten so, dass die beste vorliegende Deutung eines Textes so ziemlich das Gegenteil der Deutung des Autors ist.
Wenn schon beim Buch die Vorstellung von Agatha oder welchem Autor auch immer völlig belanglos ist, so ist die Meinung einer Autorin zur filmischen Besetzung oder gar Umsetzung so irrelevant, wie etwas auf dieser Welt überhaupt nur irrelevant sein kann!
Was euch, Elaine und Petra, unterläuft, passiert sehr vielen Menschen, nämlich der sogenannte 'genetische Fehlschluss'. Wenn jemand für etwas Geltung beansprucht (z. B. ein Urteil für die Besetzung von Miss Marple) zählt die Inspiriertheit der Idee, die uns überzeugt oder auch nicht, oder es zählt die gute Begründung in der Argumentation, nicht aber zählen Eigenschaften, die bei der Herkunft der Aussage, des Geltungsanspruchs bzw. Urteils eine Rolle spielen können: Mann, Frau, Rumäne, Franzose, Deutsche, Jude, Autorin, Nicht-Autorin, Gebildete, Ungebildeter, Akademiker, Bauer, Handwerker. Von solchen Merkmalen dürfen wir nicht auf die Güte dessen schliessen, was da ein Mensch sagt, sonst verwechseln wir die Herkunft mit der Gültigkeit des Gesagten.
Es gibt aber kein gültiges Schliessen von den Herkunftsmerkmalen eines Urteils auf seine Güte! Wer etwas sagt, ist in höchstem Masse schnuppe. Was eine/r sagt, das wollen wir betrachten.
Von dem Augenblick an, wo ein Schreibender seinen Text VERÖFFENTLICHT und wir ihn uns ANEIGNEN ist er UNSER und wir machen damit, WAS UNS GEFÄLLT.
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