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 Adventsvierteiler und Weihnachtsserien - Vom Seewolf zu Anna
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Mariposa



Beiträge: 832

03.02.2019 14:20
#466 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Nochmals Danke schön für diesen Fernsehtipp liebe Elaine. Ohne Dein Zutun wäre mir der Sendebeitrag glatt "durch die Lappen" gegangen.

Selbst in der Wiederholung gilt es noch Kenntnisse aufzufrischen und dabei viel Interessantes zu erfahren. Bei den Hintergründen der berühmten Bücher werde ich immer ganz hellhörig. Es ist klar herauszuhören, dass das Leben "Müh' und Arbeit" bedeutet und dass auch ein berühmter Schriftsteller nicht auf Rosen gebettet ist. Der wahre Goldschatz in Alaska waren also die Geschichten, die er über seine Erlebnisse/Erfahrungen dort schrieb. Das Vorbild für die Romanfigur "Seewolf" fand sich tatsächlich in "Heinolds seiner Kneipe" in San Francisco.

Bevor ich nur einen Gedanken an Drehorte in Rumänien verschwendete hatte ich mich schon als Teenager aufgemacht, um wenigstens ein paar seiner Wirkungstätten abzuklappern. San Francisco mit Western Addition und der Union Street, Mt. Tamalpais und natürlich das Mondtal standen dabei an erster Stelle. Primär die Heimat von JOE UNTER PIRATEN. Irgendwie lag mir das vom Empfinden her näher, als die Drehorte der Vierteiler. Das Interesse kam erst später, weil ich auch die Vierteiler später zu sehen bekam.

Jedenfalls war der Beitrag einfach wundervoll und hochgradig informativ. Da böte sich ein weiterer über Papa Jules (Verne) in gleicher Manier doch direkt an.

Auch eine solch' tolle Dokumentation über den Regisseur Wolfgang Staudte oder den Prodzenten Walter Ulbrich und/ oder die Zusammenarbeit der beiden wären wünschenswert. ARTE müsste doch Interesse haben, da Staudtes Serie MS FRANZISKA u.a. in Straßbourg spielt und Walter Ulbrich in Metz geboren wurde. Das Thema könnte/ müsste man doch aufgreifen, da Film- und Fernsehgeschichte geschrieben wurde.

Also: WUNSCH ANS UNIVERSUM oder "man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen".

Sonntagsgrüße aus dem Saarland, es fängt grad' wieder zu schneien an ...
MARIPOSA

loe


Beiträge: 38

09.03.2019 23:43
#467 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Die wertvollen Beiträge von Elaine und Mariposa zu den Drehorten und Romanvorlagen der Weihnachts-Vierteiler sind im Lauf von fast 10 Jahren zu 30 Seiten angewachsen. Deshalb sei hier in den nächsten Wochen der Versuch unternommen, einiges von dem, was Elaine und Mariposa in den Jahren 2009 bis 2018 zu ZWEI JAHRE FEREIEN erlesen, entdeckt, erkundet, ergründet, kombiniert oder als einleuchtende Erklärung vorgelegt haben, in konzentrierter, übersichtlicher Form für all jene bereitzuhalten, die später hinzugekommen sind oder erst noch hinzukommen werden.

Wir können uns alle glücklich schätzen, denn für das Thema "Film, Literatur, Geografie, Geschichte, Schiffbruch, Inseln und Robinsonade" konnte es gar keine besseren Fachleute geben als Elaine und Mariposa. Beide sind sowohl umfassend belesen als auch mit der massgebenden Literatur zum Thema vertraut. Sie können zwischen den filmischen und literarischen Werken hin- und herspringen, dass sich unsere Hirnwindungen fruchtbringend verknoten.
Mariposa ist weitgereist wie nur ganz wenige; sie kennt versteckte Winkel dieser Welt, die nicht einmal der grosse James Cook oder Alexander von Humboldt gesehen hat. Zudem unterhält Mariposa Verbindungen zu Erdbewohnern, auf die wir nie kämen oder zu denen wir nie gelangten. Auch ist sie DIE Historikerin für die Geschichte der grossen Fernsehzeit.
Elaine, ebenfalls so weitgereist, dass Sir Francis Drake im Vergleich mit ihr wie ein nasses Matrosenhemd aussieht, ist die bedeutendste Expertin für Schiffe, Navigation, Meereströmungen u.v.a.m., die wir uns überhaupt wünschen können. Vielleicht gibt es auf der Nordhalbkugel noch zwei Menschen, die punkto selbst betriebener Seefahrt noch so viel verstehen wie Elaine. Vielleicht gibt es auch noch drei Menschen auf der Südhalbkugel, die in der Seefahrtsliteratur noch so bewandert sind wie Elaine. Aber es gibt auf der ganzen Erdkugel nur einen einzigen Menschen, der sowohl von der Seefahrt aus eigener Betätigung wie auch aus der vertieften Beschäftigung mit der Seefahrtsliteratur (Quellen, Darstellungen und Fiktion) so viel versteht wie Elaine. Sie kann uns allen daher Dinge in aufschlussreichen Verbindungen, Vergleichen und Plausibilitätsprüfungen vor Augen führen, dass uns dieselben übergehen (und wir schwindlig über Bord gehen).

Folgende Fragen standen im Elaine-Mariposa-Duett im Vordergrund:

(1) Aus welchen Romanen nahm Drehbuchautor Claude Desailly die Zutaten zum Film?
(2) An welchen Orten wurde der Film genau gedreht?
(3) Zu welcher Zeit spielt die Geschichte des Films?
(4) Was ist mit dieser Cerna-Geschichte im Intro der deutschen Version? Und hat Walter Ulbrich diese seine Geschichte historisch gestützt?
(5) Ist das Zusammentreffen der Jungen, des Phantoms und der Piraten um Forbes auf derselben Insel allzu unwahrscheinlich, um glaubhaft zu sein?
(6) Wie ordnet sich der Konflikt der Jugendlichen auf der Insel ein, wenn wir andere Schiffbruchgeschichten heranziehen, wahre und erfundene?

Alles zusammengebracht, wird ein Wissen über ZWEI JAHRE FERIEN vorliegen, wie es in dieser Fülle und Güte bislang nirgendwo zu finden war, in keinem Buch und auch nicht im Netz. Um zu zeigen, dass dies nicht zu hoch gegriffen ist, beginnen wir mit einer der spannendsten Fragen, mit Frage (2).

loe


Beiträge: 38

10.03.2019 01:06
#468 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Frage 2:
An welchen Orten wurde der Film genau gedreht?
Elaine-Mariposa-Duett (10 Jahre)

Sowohl in einem bekannten Buch zu den legendären Vierteilern als auch im Netz (z.B. dt. und frz. Wikipedia) ist zu lesen, ZWEI JAHRE FERIEN sei in Rumänien und dortselbst besonders am Schwarzen Meer gedreht worden. Leidenschaftliche Spezialistinnen wie Elaine und Mariposa haben sich damit natürlich nicht begnügt. Fragen, die sie beschäftigten, waren etwa:

(a)
Wenn Kapitän Hull nach dem Brand an Bord nun mit Forbes und Pike im tasmanischen "Hobart" aussteigt, um in einer Taverne beim Wirt, einem Freund Forbes', Segelzeug, Tauwerk und Proviant zu organisieren: In welcher rumänischen Stadt wurde dies gedreht?

(b)
Wenn viele Menschen im Hintergrund zu sehen sind und das Segelschiff in "Auckland" anlegt, liegt oder von "Auckland" ablegt, z.B. bei der grossen Abschiedsszene samt Hund: In welcher rumänischen Stadt wurde dies gedreht?

(c)
Wenn das Schiff aus dem Hafen "Auckland" herausfährt oder in diesen Hafen hineinfährt, wobei wir eine Mole mit Leuchtturm sehen, z.B. bei der Verhandlung mit Forbes auf demselben Schiff (als "Birdeye" vorgegaukelt), das draussen im Hafenbecken liegt, aber nicht anlegt: In welcher rumänischen Stadt wurde dies gedreht?

(d)
Wo befindet sich die "Küste ohne Namen"? Diese Frage dürfte neben der nach den Aufnahmen zur "vergessenen Insel" wohl am meisten interessieren.

Das Genaueste was es im Netz gibt, sowohl zu den genauen Drehorten wie auch zur genauen Drehzeit, findet sich auf einer rumänischen Webseite, ist aber in Deutschland und Frankreich unbekannt! Demnach wurde von Oktober bis Dezember 1971 zuerst im Donaudelta und in den Studios von Buftea bei Bukarest gedreht. Dann wurde vom 11. Mai bis zum 8. Oktober 1973 in Buftea (sowohl Studiosets wie auch Aussenaufnahmen), in Mangalia am Schwarzen Meer, in Brăila, Tulcea, Hârșova (alle drei an der Donau) und im Kreis Brașov gefilmt:

"Filmări octombrie–decembrie 1971 (filmări în avans în Deltă și la Buftea)
și 11.05.– 08.10.1973 la Buftea (platou și exterior), Mangalia, Brăila, Tulcea, Hârșova și în zona Brașov." (...aarc.ro/filme/film/doi-ani-de-vacanta-1973)

Wer von Natur aus skeptisch ist, ahnte wohl schon immer, dass das Segelschiff beim Anlegen, Liegen und Ablegen im Süsswasser schwimmt und nicht im Schwarzen Meer. Genauso wie in der Stadt, die "Hobart" darstellen soll und in Wirklichkeit an der Donau liegt, stehen auch bei diesem Anlegen, Liegen und Ablegen des Schiffes echte Pappeln fast bis zum Wasser! Im Bildhintergrund ist das grüne, künstlich befestigte andere Flussufer deutlich zu erkennen, ebenso im Vordergrund die Wasserbewegung eines Flusses und nicht die eines Meeres. Walter Ulbrich hat durch seinen Schnitt für die dt. Version versucht, dies besser zu kaschieren als die Franzosen. In der frz. Version legt das Schiff nach dem grossen Abschiedswinken in "Auckland" deutlich länger in Richtung des anderen Donauufers ab. Walter Ulbrich hat dies herausschneiden lassen. Stattdessen sehen die deutschen Zuschauer, nachdem die Kutsche mit Lord Buchanan und Doniphans Mutter abgefahren ist (dt. Version, DVD 1, Teil 1, Filmminute 32:03 - 32:10), eine eingestreute Szene, wo das Schiff aus einem echten Meereshafen mit Leuchtturm hinausfährt, dazu eine Seemöve im Fluge! Die Franzosen haben auf diese illusionsbildende Szene verzichtet! Deshalb ist es für deutsche Zuschauer schwer vorstellbar, dass die Szenen davor tatsächlich an der Donau gedreht wurden! In Frankreich war dies schon immer bekannt, wie auch gleich zur Frage (a) zu sehen ist.

"Es wurde auf der Donau und an der Küste des Schwarzen Meeres gedreht, die den Pazifik darstellen sollten." (...tele70.com/article-21043380...)

"Gedreht wurde in den Studios von Bucarest sowie auf der Donau und am Schwarzen Meer, die den Pazifik darstellten." (...series-tv-vintages.skyrock...)

Um Aufnahmen des Segelschiffs sowohl an der Küste des Schwarzen Meeres wie auch an den Städten der Donau zu machen, muss die "Sloughi" bei Constanța durch den Donau-Schwarzmeer-Kanal gefahren oder möglicherweise dabei gezogen worden sein (wahrscheinlich von einem der Schiffe der rumänischen Flussmarine in Tulcea).

Frage a :
Kapitän Hull steigt nach dem Brand an Bord zusammen mit Forbes und Pike im tasmanischen "Hobart" aus, um Segelzeug, Tauwerk und Proviant zu ersetzen (dt. Version, DVD 1, Teil 2, Filmminute 14:02 - 14:13). Hier ist frontal und gross ein auffälliges, längliches Gebäude zu sehen, mit Säulen und Bögen, walachische Architektur: Dies ist der Fährhafen von Brăila an der Donau, von dem die Franzosen schon wussten, dass er in ZWEI JAHRE FERIEN als Hafen von "Hobart" zu sehen war:

...fr.wikipedia.org/wiki/Br%C4%83ila

(Die Prozentzeichen sind korrekt so!)

Viele Zuschauer werden sich gefragt haben, warum Kapitän Hull in "Hobart" (Brăila) so gutgelaunt und leichtgläubig eine grosse Bestellung für Schiffsausrüstung bei einem Wirt aufgibt, der ihm von Forbes empfohlen wurde. Im halben Scherz dürfte der Grund darin liegen, dass Brăila die Geburtsstadt des Mannes ist, der Kapitän Hull war: Michael Berechet!
Wir halten uns vor nasse Augen:
Der Rumäne Michael Berechet geht von Bord und betritt trockenen Fusses seine Geburtsstadt, wobei er fragt: "Wo geht's denn lang?"
Der Österreicher Werner Pochath antwortet ihm: "Nur so an die dreihundert Meter."
Elaine war in Brăila! (23.2.2018, #452)

Frage b :
Vieles spricht dafür, dass Tulcea die rumänische Stadt ist, die für Auckland steht. Untermauern lässt sich dies mit heutigen Bildern über die Beschaffenheit des dies- und jenseitigen Donauufers sowie damit, dass von den drei genannten Donaustädten, an denen gefilmt wurde, die anderen zwei, Brăila und Hârșova, aus dem gleichen Grund ausscheiden, so dass Tulcea übrigbleibt.
Dagegen spricht aber, dass laut Elaine grosse Seeschiffe die Donau nur bis Brăila befahren können (Elaine, 23.2.2018, #452). Wahrscheinlich war die "Sloughi" klein genug und hatte einen hinreichend geringen Tiefgang.
(Auf der Landstrasse zwischen Tulcea und Brăila liegt ein Städtchen namens Cerna!)
Die heutige Skyline am Ufer von Tulcea hat mit Sicherheit keines der alten zweigeschossigen Häuser stehen lassen, die wir im Film sehen können. Noch überzeugender ist aber das, was Elaine, die in eigener Person in Tulcea war, vorbringt, nämlich dass es sich bei den alt aussehenden Häusern im Film um "Kulissenhäuser" gehandelt haben dürfte (Elaine, 25.4.2018, #460).
Das Donauufer ist am besten sichtbar beim Anlegen des Schiffs in Auckland (dt. Version, DVD 1, Teil 1, Filmminute 14:43 - 14:52). Immer noch beim Anlegemanöver und Einziehen der Segel kommt kurz ganz rechts unten ein Hochhaus in den Blick (Filmminute 15:27 - 15:28). Ein sehr ähnliches Hochhaus steht heute, teilweise verdeckt, hinter dem Hotel Delta.

Frage c :
Die Stadt, die mit ihrem Leuchtturm, ihrer Mole, der Möve und dank des Filmschnitts viele Zuschauer glauben liess, "Auckland" sei eine Stadt am Schwarzen Meer, ist Mangalia am Schwarzen Meer. Aber: Von Mangalia zeigte man im Film bloss den Leuchturm, die Mole und das Hafenwasser nahe der Hafeneinfahrt, doch keine Anlege-, Liege- oder Ablege-Szenen am Kai. Dank Elaine können wir die von ihr selbstgemachten Bilder dieser Hafenanlage auf Dropbox betrachten (Elaine, 25.4.2018, #460).

Frage d:
Bekanntlich war die Frage nach dem Schauplatz der „Küste ohne Namen“ das grösste und schwierigste Rätsel. Auch die, welche glaubten, man könne ein Rätsel dieser Grössenordnung allein mit Bildern aus dem Internet lösen (wie ich selbst), mussten scheitern. Wohl Zehntausende oder gar Hunderttausende Deutsche und Franzosen haben seit über 40 Jahren darüber gegrübelt und sind doch zu keinem Ergebnis gekommen. Auch aus Rumänien gibt es zu diesem Rätsel keine Hilfe.
Elaine hat das Rätsel an Ort und Stelle erforscht und es mit Elan, Passion sowie scharfem Sinn gelöst! Sie konnte mit einer die Gewissheit überholenden Wahrscheinlichkeit die "Steilküste am Nordende der Bucht von Vama Veche" als den Ort der Handlung ausmachen, der für die meisten Zuschauer der eindrücklichste war und bleiben wird. Damit konnte Elaine, wie sie selbst es so schön formuliert hat, "der 'vergessenen Küste' einen Namen geben". En passant hat sie mit dieser Entdeckung ein Rätsel für den "Seewolf" gelöst! Ihr Originalbericht (Elaine, 3.8.2018, #462) sei jeder Filmliebhaberin und jedem Filmliebhaber glühendstens empfohlen! Dortselbst können wir sogar ihre eigenen Fotografien auf Dropbox betrachten.

Die "Gegend von Brașov":
Dass in Brașov gedreht worden sei, war in Mariposas Diskussionsfaden seit 2010 bekannt und wurde so hingenommen. Elaine hat die Dinge an den rumänischen Orten leibhaftig und mit gewieftem Blick geprüft. Sie hält dafür, dass eine am Film leibhaftig beteiligte Person, eine namhafte, sprechende Quelle – von Elaine aus Gründen des Anstands nicht genannt –, die Elaine gegenüber vor Jahren hierzu eine Äusserung gemacht hatte, sich in der Erinnerung getäuscht haben könnte und daher der Drehort möglicherweise nicht Brașov selbst war, sondern die „Umgebung von Râşnov“ (Elaine, 12.2.2018, #448). Diese Feststellung Elaines vor Ort wird durch die rumänische Webseite gestützt, die bloss vom Verwaltungsgebiet (zona = Kreis) Brașov als Schauplatz spricht! (...aarc.ro/filme/film/doi-ani-de-vacanta-1973) Da nun das von Elaine erkundete Râşnov und seine Umgebung tatsächlich im Kreis Brașov liegen, können wir sagen: Dank Elaines Erforschung kommen Welt und Aussagen auf wunderbare Weise in Berührung!

Offen bleibt, welche Szenen in Hârșova gedreht wurden. Vielleicht lässt sich dies anhand von Bildern oder auch Filmen noch herausfinden.

Mariposa



Beiträge: 832

10.03.2019 14:25
#469 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Willkommen an Bord lieber Loe und vielen Dank für die treffliche Zusammenfassung unserer textlichen Ergüsse.

Bin ganz geflashed bei soviel Lob. Meiner sehr geschaetzten Duett-Haelfte und Co-Autorin wird es ähnlich ergehen.

Ein solches Forum lebt durch das Zusammenlegen von Fachkenntnis und Gedanken sowie dem Austausch unterschiedlicher Meinungen.

Es wäre jammerschade wenn eine mit soviel Liebe erschaffene Seite wie TV NOSTALGIE und das daran angeschlossene Forum dem schnoeden Mammon zum Opfer fallen.

Da halte ich es lieber mit einem Forum Kollegen diese Seite zum Weltkulturerbe zu erheben.

Ein Hoch auf uns, denn HIER WERDEN SIE GEHOLFEN.

MARIPOSA

loe


Beiträge: 38

10.03.2019 17:36
#470 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Liebe Mariposa, herzlichen Dank für deinen Willkommensgruss und deine guten, treffenden Worte!

loe


Beiträge: 38

10.03.2019 17:45
#471 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Frage Nr. 1 zu "10 Jahre grosses Elaine-Mariposa-Duett":

Aus welchen Romanen nahm Drehbuchautor Claude Desailly die Zutaten zum Film?



Der Vierteiler ZJF macht Anleihen bei vier Jules Verne-Romanen:

– "Zwei Jahre Ferien"

– "Reisestipendien"
(Internatsschüler verschiedener Herkunft gehen auf einem Schiff auf Ferienfahrt und werden von zwei Halunken gekidnappt.)

– "Die Kinder des Kapitän Grant"
(im Kern nur die Sache mit der Flaschenpost und das zufällige Zusammentreffen auf einer abgelegenen unbewohnten Insel am Schluss)

– "Ein Kapitän von 15 Jahren"
(hier nur die Namen "Dick Sand" und "Kapitän Hull" sowie jener der Reeder-Familie "Weldon")

loe


Beiträge: 38

10.03.2019 18:04
#472 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Zum grossen Elaine-Mariposa-Duett (10 Jahre)

"Zwei Jahre Ferien"

Frage Nr. 4:
Wie kam Walter Ulbrich in seinem nachgedrehten deutschen Intro zum "Schatz der peruanischen Kriegskasse" auf "Oberst Cerna"?




Diese Oberst Cerna-Frage blieb auch mit ihrem ganzen Hintergrund lange ein merkwürdiges Rätsel.

Die Verbindung von "peruanischer Staatskasse" und "Oberst Cerna" legte nahe, wir könnten einen solchen Oberst aus der Geschichte Perus herauspflücken. Mariposa hat sogar einen peruanischen Verne-Spezialisten befragt. Auf dessen negative Antwort können wir uns verlassen; eine Antwort, die vielleicht zu erwarten war, aber in ihrer Gewissheit auch wertvoll ist. Walter Ulbrich war klug genug, nicht auf etwas Plumpes oder Unpassendes zu verfallen. Für seine Story zum deutschen Intro wollte er keine historische Person, die wir hätten durchleuchten und festmachen können. Aber Ulbrich konnte seinen glaubwürdigen Oberst auch nicht aus dem Hosenbein schütteln. Er brauchte Zutaten, die historisch imprägniert, die als Einzelteile jeweils sogar belegt, aber eben nicht so zusammengesetzt waren, dass man auf eine historische Person mit dem Finger hätte zeigen können, so wie der kleine Junge in "Der Dritte Mann" auf Holly Martins (Joseph Cotten) zeigt: "Papa, der da, der war's." Darum montierte Ulbrich die Figur des Oberst Cerna wohl aus

(a) den belegten Wirren der Geschichte Perus sowie aus
(b) einer realen, historischen Person Lateinamerikas, die den gleichen Namen trägt wie eine Stadt zwischen drei rumänischen Drehorten von ZWEI JAHRE FERIEN.

Für die Story des Schatzes und der Weitergabe der Schatzkarte entstand auf diese Weise eine Hintergrund-Figur, die historisch verankert ist, ohne aber real zu sein. Hierdurch geschah es, dass Film-Rechercheure und -rechercheusen sich auf den Holzweg nach Peru machten.

Zu (a):
PERU: In der Geschichte Perus findet sich im Ringen um die Herrschaft im Land eine auffällige Abfolge von drei Obersten, wenige Jahre vor dem Salpeterkrieg. All dies findet sich nicht in der deutschen Wikipedia und auch nicht in der englischen Wikipedia, aber im Brockhaus von 1878:
"1868 wurde Oberst Balta zum Präsidenten gewählt aber schon 1872 bei einem durch Oberst Gutierrez hervorgerufenen Aufstand ermordet. Oberst Gutierrez selbst ernannte sich zum Dikatator, wurde aber schon vier Tage nach Baltas Ermordung auf dem Wege der Lynchjustiz erhängt. Der bisherige Vizepräsident Oberst Ceballo übernahm die Regierungsgewalt, berief den Kongress ein und stellte die Ruhe in Peru wieder her."
Genug des Schlagoberst. Jetzt die interessante Verbindung zu (b):
"1864 kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Peru und Spanien, was eine nationale Bewegung in Peru hervorrief. In der Hauptstadt Lima traten die Republiken Peru, Chile, Bolivien, Argentinien, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, San Salvador und Guatamala unter dem Namen 'Amerikanischer Kongress' zusammen, um sich gegen die Eingriffe Europas in die Rechte dieser Freistaaten zu beraten."
Guatamala! Das ist die Verbindung. Mittelamerika geht in Sachen Südamerika immer ein bisschen unter.

Zu (b):
GUATAMALA: "Nach dem Tode Rafael Carreras 1865, der durch musterhafte Finanzverwaltung das materielle Wohl des Staates zu fördern suchte, wählte man Oberst Vincente Cerna zum Präsidenten. Im Mai 1871 wurde Cerna von Granados gestürzt."
Jetzt legen wir die vergilbten Seiten von 1878 zur Seite und greifen zur englischen Wikipedia, wo wir erfahren:
Oberst Cerna, sogar verdoppelt: "Vicente Cerna y Cerna (1815 – 1885) war ein Militär und Politiker in Guatamala. Er war ein Oberst Guatamalas in der berühmten Schlacht von La Arada (Batalla de la Arada). Es war der wichtigste militärische Sieg in der Geschichte des Landes als unabhängiger Staat."

Das also war sehr wahrscheinlich Ulbrichs Anker: Der leibhaftige Oberst Cerna y Cerna.

Erstaunlicherweise ist nun Cerna ist auch eine Stadt in Rumänien. Sie liegt zwischen Tulcea und Hirsova bzw. zwischen Tulcea und Braila, genau 40 km von Tulcea entfernt. Tulcea, Hirsova und Braila waren alle drei Drehorte von ZWEI JAHRE FERIEN!
Dieser unglaubliche Zufall, die wahre Geschichte von Oberst Cerna y Cerna sowie die rumänische Stadt Cerna zwischen den Drehorten, könnte Ulbrich ins Auge gesprungen sein.

Klar ist, dass sich diese Frage nicht mit grosser Bestimmtheit beantworten lässt. Etwas anderes wäre es, wenn jemand z.B. im Tagebucharchiv in Emmendingen ein Selbstzeugnis von Walter Ulbrich findet, worin er Angaben über seinen Oberst Cerna macht.



Spezial: DAS PERUANISCHE MILITÄR, DIE PERUANISCHE KRIEGSKASSE UND DAS GOLD PERUS

Zu Beginn von "Zwei Jahre Ferien" zieht eine militärische Eskorte von 19 Soldaten und 23 Pferden an uns vorbei, in ihrem Schlepptau: die peruanische Kriegskasse. Der Erzähler verrät, sie bestehe aus geprägtem Gold im Werte von 3 Millionen Dollar.

(1) Frage mit Blick auf die tatsächliche Schlagkraft der damaligen peruanischen Armee:
Ist eine derart kümmerliche Militär-Eskorte für den Transport einer so wertvollen Kriegskasse nicht unrealistisch?

(2) Frage mit Blick auf den Wert: Sind denn 3 Millionen Dollar im Verhältnis zum damaligen peruanischen Staatshaushalt eine realistische Grösse?

Zu (1):
Das Internet ist genauso ratlos wie eine ad hoc einbestellte Professorenschaft von Lateinamerikanistikern. Wer kann uns im Jahre 2019 helfen? Es ist der Brockhaus von 1878:

"Die peruanische Armee bestand 1876 aus 8 Bataillonen Infanterie (zusammen 5'600 Mann), 3 Regimentern Kavallerie (1'200 Mann) und 2 Brigaden Artillerie (1'000 Mann), zusammen 7'800 Mann. Die Flotte bestand 1876 aus 4 Panzerschiffen (1 Fregatte, 1 Widderschiff und 2 Monitors), 6 Dampfern (1 Fregatte, 2 Schooner und 3 Transportschiffe), 3 Schulschiffen und 5 nicht armierten Dampfern, zusammen 18 Fahrzeuge von 3'396 Pferdestärken mit 66 Kanonen."

Demnach ist die im Film gezeigte Eskorte von 19 wackligen Kavalleristen und 23 wackeren Ackergäulen, abkommandiert zum Schutz der peruanischen Kriegskasse, vollkommen realistisch, da hierdurch schon die gesamte Kavallerie Perus auf 1'181 Mann zurückfiel und in den Ställen der Kasernen nur Ponys zurückblieben.

Zu (2):
Das Internet ist genauso ratlos wie eine ad hoc einbestellte Professorenschaft von Wirtschaftshistorikerinnen. Wer kann uns im Jahre 2019 helfen? Es ist der Brockhaus von 1878:

"Der Staatshaushalt Perus hat sich seit der Ausbeutung des Düngemittels Guano, die ein Monopol der Regierung ist, total geändert. [Durch Vögel oder Fledermäuse ausgeschiedenes Guanin, vermischt mit Harnsäure, bildet durch Verwitterung Guano.] Das Budget ist seitdem um mehr als das Doppelte gestiegen und der Staatshaushalt beruht hauptsächlich auf dem Einkommen aus diesem Vogelmist. Für die Jahre 1875 und 1876 betrugen die Einnahmen 65'566'140 Soles."

Nun, die peruanische Währung, der Sol, war damals zu einem Kurs zum US-Dollar von 1,08 festgelegt, so dass wir berechtigt sind zu sagen: 19 Soldaten und 23 Rösser ziehen eine Kriegskasse im Wert von 3 Millionen Soles durch die Landschaft, das heisst: 4,6 Prozent des Staatshaushalts, der zum grössten Teil aus Vogelmist gespeist ist. Mit Blick auf die zugrundeliegenden historischen Tatsachen und Relationen können wir auch hier nur feststellen: Ulbrichs Story ist glaubwürdig!

Wir wollen uns erheben, um Oberst Cerna oder der peruanischen Kriegskasse (oder beiden) mit einer feierlichen Schweigesekunde zu gedenken.

Literaturempfehlung:
Konversations-Lexikon, Allgemeine deutsche Real-Enzyklopädie, Leipzig: Brockhaus 1878.

"Der grosse Brockhaus. Nie war er so wertvoll wie heute."

Mariposa hat in einem ihrer vielen Beiträge sogar über Fledermauskot aus eigener Anschauung berichtet und über Guano geschrieben. Wer hätte gedacht, dass der peruanische Staatshaushalt zur Zeit der Handlung von ZWEI JAHRE FERIEN hauptsächlich auf Vogel- und Fledermausmist beruhte. So viel zum sagenhaften Gold Perus!

loe


Beiträge: 38

10.03.2019 19:49
#473 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Zum grossen Elaine-Mariposa-Duett (10 Jahre):

"Zwei Jahre Ferien"

Frage Nr. 3: Zu welcher Zeit spielt die Geschichte des Films?
=============================================================


Betrachten wir zuerst die deutsche Version, wo ein Off-Erzähler im Intro zur Herkunft der Schatzkarte ein Reihe von Zeitangaben macht.

Mariposa hat hier am 11.5.2010 (#141) einen mehrfachen Verstoss gegen die Zeitlogik entdeckt, den niemand bemerkt hatte. Laut dem von Ulbrich verantworteten Cerna-Intro reihen sich die Ereignisse wie folgt:

1891
Oberst Cernas Coup auf die peruanische Kriegskasse
(1891 deshalb, weil der Meuchelmord 1893 an Thompson in Le Havre eingeleitet wird mit den Worten „rund zwei Jahre danach“)
Cernas Leute werden gefasst oder sterben bald darauf bei der Cholera-Epidemie an der Arica-Küste ( 1 8 8 9 !) .
Nur einer überlebt und verschwindet, nämlich der engste Vertraute von Oberst de la Cerna: Thompson.

1893
Thompson wird in Le Havre hinterrücks erstochen vom Raubmörder Palavier.

1895
Palavier wird im Straflager Fort Pily für andere Verbrechen exekutiert (zuvor tauscht er die in Thompsons Jacke gefundene Inselkarte für Kautabak an Edward Forbes).

1895
Forbes und Pike fliehen aus Fort Pily.

1 8 8 7 (!)
Die „Sloughi“ legt am Kingston Kay in Auckland an, um nur wenige Wochen später die aus Fort Pily entflohenen Sträflinge Forbes & Pike an Bord zu nehmen!

Diesen unglaublichen zeitlogischen Lapsus giganteus hat Mariposa entdeckt, ebenso einen Widersinn zur angeführten Cholera-Epidemie an der Arica-Küste (s. oben), wie auch eine Unstimmigkeit mit Blick auf die historische Epidemie (1869).



Es gibt einen weiteren Verstoss gegen die Handlungslogik, der uns auffallen mag, falls wir uns am Ende des Films noch an Ulbrichs Cerna-Intro erinnern.
Vom Raubmörder Palavier, der in den Kleidern des ermordeten Thompson kein Geld findet, heisst es in Ulrichs Cerna-Intro doch tatsächlich:
„Von der Schatzkarte, die er dem Ermordeten entwendet, versteht er nichts, vom Schatz des Oberst [de la Cerna] weiss er nichts.
Palavier bleibt unwissend bis zu seinem Ende.“

Nun, kurz vor seinem Ende tauscht also Palavier, der nichts versteht und nichts von Oberst Cerna weiss, im Straflager Fort Pily die Inselkarte für Kautabak an Forbes. Forbes kann am Exekutionstag Palaviers mit seinem Kumpan Pike aus Fort Pily fliehen.

So weit, so erbaulich.

Denken wir jetzt aber an Pikes Worte des Erstaunens, gerichtet an Forbes in der Schatzgrotte auf der Insel:

Pike: "Sag mal, was ist denn das für ein komisches Zeug? Das ist doch nicht der Zaster, hinter dem wir her sind, der von dem Oberst Cerna. Das ist doch ganz was anderes!"

Spätestens jetzt klingelt in uns die Frage:
Woher kann denn Pike überhaupt vom „Zaster“ (geprägtes Gold der Kriegskasse) und von Oberst Cerna wissen?
Auf welchem Weg konnte dieses Wissen überliefert worden sein?

Der einzige Überlebende des Cerna-Coups war der Cerna-Vertraute Thompson.
Thompson wurde aber, noch ehe er ein Wort sagen konnte, in Le Havre von Palavier ermordet, der ein gewöhnlicher Raubmörder und nur auf Geld aus war.
Palavier wusste von der Inselkarte, die er bei der Leiche fand, gar nichts. Er verstand sie dann auch nicht. Und von Oberst Cerna wusste Palavier auch nichts.
Der „bis zu seinem Ende unwissende Palavier“ gibt Forbes im Straflager die Inselkarte, erhält dafür Kautabak und endet am Galgen.
Ja, wie kommt dann aber das Wissen vom „Zaster“ des Oberst Cerna in die Köpfe von Forbes und Pike?

Dies ist ein typischer Fehler, der entsteht, wenn man durch ein nachträgliches Intro mit Erzählerebene nicht mehr an den Unterschied zu der Ebene denkt,
wo die Figuren mit ihrem jeweiligen Bewusstsein handeln und sprechen. Forbes und Pike konnten aber keinen Zugang zum Bewusstsein des Off-Erzählers im Intro haben.

Wir wollen all diese Fehler nicht in ihrer Bedeutung hochspielen. Sie fallen uns jetzt bloss auf, weil wir den Film mittlerweile dreimal oder sogar öfter gesehen haben. Viel schlimmer finde ich, dass Ulbrich für diesen fragwürdigen Cerna-Intro viele der von Rumänen und Franzosen gedrehten Filmszenen geopfert hat.
Eine Auflistung all dieser tollen Szenen auf Schiff und Insel wäre ein eigenes Thema wert.

Zur französischen Version:

Die Franzosen verheddern sich in ihrer Version zumindest nicht in zeitlogische Absurditäten.
Die Geschichte beginnt einfach im Jahr 1882.

Es gibt aber einen starken Grund, warum die Franzosen Ulbrichs Cerna-Intro zur Herkunft der Schatzkarte in die Mülltonne geworfen hätten, so es ihnen angeboten worden wäre.
Die Franzosen hätten es niemals akzeptiert, dass ein Franzose in Le Havre einen amerikanischen Seemann von hinten erdolcht!
Mehr noch: Ihn mit feiger Hand erdolcht, um dann festzustellen, dass der aus dem Hinterhalt Ermordete gar kein Geld hat, da er es zuvor in der Kneipe versoffen hatte.
Das grenzt schon an Staatsbeleidigung. Wir mögen uns vor Augen halten: In der frz. Version wird über die Filmproduktionspartnerschaft von ZJF folgende Reihenfolge genannt:

Eine Koproduktion der Fernsehen

Frankreich RTF
Belgien RTB
Schweiz SSR

und

der Studio Bucaresti, Rumänien
der deutschen Tele-München


Belgien und die Schweiz also noch VOR Walter Ulbrichs Firma (Tele-München); und Deutschland als Land gar nicht erwähnt!

Der Name des von hinten heranschleichenden französischen Mörders, „Palavier“ oder „Pallavier“, ist leicht hochverdächtig.
In ihm schimmert das Wort „Palaver“, ein Ausdruck, den so manche (vorurteilsbehaftete) Deutsche mit ihren Vorstellungen von Franzosen verbinden, die angeblich viel sprechen und dabei nichts sagen. War dies ein leichter Piekser Ulbrichs gegen den schwierigen französischen Filmpartner?
„Pallavier“ ist ein dermassen seltener Name, dass Ulbrich gar nicht wissen konnte, ob es ihn überhaupt gibt (etliche von mir befragte Franzosen haben den Namen noch nie gehört!).
„Palavier“, mit einem l, ist eine Wortschöpfung des grossen Naturforschers Lamarck um 1816. Da in der Botanik über die PERUANISCHE Flora schon die Bezeichnung „Palaya“ besetzt war, bezeichnete Lamarck in leichter Abwandlung eine andere Gewächsart mit „Palavier“.
Nein, auch hier wollen wir die Sache lieber wohlwollend betrachten.

loe


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10.03.2019 21:53
#474 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Zwischenspiel:

Lobrede auf R a i n e r B a s e d o w und seinen Pike
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Am 8.1.2010 (#59) und Ende April 2010 dachte Elaine über das Verhalten von Forbes nach. Sie fragte sich, warum er die jugendlichen Helden sicherheitshalber und bequemerweise nicht gleich umbringt und dann gleichwohl das Lösegeld fordert.

Was vielleicht ein bisschen dagegen wiegt: Auch unter Verbrechern gab es so etwas wie einen Ehrenkodex. Das eigenhändige Abmurksen von Kindern stand (wenigstens in früherer Zeit) auf der Liste unehrenhafter Taten ganz zuunterst. (Auch wenn Forbes alle Zeugen der Schandtat umgebracht hätte, so hätte er doch Schaden an seiner Selbstachtung genommen.)
Aber für das von Elaine Gesagte spricht, dass es sich bei Forbes, wie Elaine es ausdrückt, um einen "Halbirren" handelt, so wir ihn in der milde stimmenden Abendsonne der Südsee betrachten.

Als ich den Film 1974 sah, empfand ich die Sache so: Solange Pike lebt, wird Forbes es nicht wagen, die Kinder umzubringen. DAS macht Pike nicht mit. Er mag ja zurückhaltender und etwas zurückgebliebener sein als Forbes. Auch wenn die Ideen fast immer von Forbes kommen: SO ETWAS lässt Pike nicht zu. Da würde Pike sich gegen Forbes wenden. Und das weiss Forbes.

Nun wissen wir, dass Rainer Basedow im Leben ein kluger Mensch ist. Umso mehr müssen wir ihn dafür bewundern, dass ein kluger Mensch wie er die Rolle eines leicht Beschränkten so gut spielen kann! DAS ist es nämlich, was wirklich schwierig ist! Das Umgekehrte ist ja leicht. Dass in Wahrheit grenzenlos Beschränkte die Rolle von Klugen gut spielen können, ist uns aus dem Alltag bekannt. Und wenn wir das Fernrohr auf das Glasauge setzen, so können wir sehen, dass dies sogar auf alleroberster Ebene genau der Fall ist, egal ob wir z.B. das Rohr nach Russland, Polen, Ungarn, Türkei, England, USA oder nach Italien schwenken. (Frankreich lasse ich aus, um nicht die deutsch-französische Verständigung seit 1945 zu bewölken.).

45 Jahre mussten vergehen, bis ein Begriffsstutziger wie ich begriff, wie sehr die Leistung von Rainer Basedow zu würdigen ist. Darum ein später, aber sehr herzlicher Dank an Rainer Basedow!

Habe "Zwei Jahre Ferien" zweimal in den 70ern gesehen, dann 2007 und zuletzt 2015.
Pike sehe ich heute deutlicher, während Forbes blasser wird. Gerade das gedämpfte Spiel von Basedow gefällt. Ich dachte oft: "Wie lange noch, Pike, erträgst du die diesen Forbes?"

Zuletzt noch dies:
Bekanntlich sprachen die rumänischen, französischen und deutschen Schauspieler die Texte in ihrer jeweiligen Muttersprache. Aber für die flüssigen Übergänge der Dialoge bedurfte es einer zusätzlichen Anstrengung:
Jeder Schauspieler prägte sich zuvor phonetisch die drei letzten Wörter des Textes seines Dialogpartners ein, um nun selbst einsetzen zu können.
(...series-tv-vintages.skyrock.com/5.html)

loe


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16.03.2019 23:14
#475 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Wie lange dauerte in "Zwei Jahre Ferien" die Fahrt der SLOUGHI mit den Jungs in dieser Westwinddrift zwischen Neuseeland und Südchile?

Wie Elaine gesagt hat: Die "Roaring Forties", d.h. eine Westwinddrift zwischen 40° und 50° südlicher Breite mit ganzjährig heftigem, zum Teil sturmartigem Wind, hat die SLOUGHI mit den Jungs in dieser Zone zwischen Neuseeland und Südchile "rübergepustet", also vollkommen glaubwürdig, was Richtung und Strecke anbelangt, sowohl für den Film wie auch das Buch "Zwei Jahre Ferien".

Im Buch von Jules Verne gibt es aber nicht nur Richtung und Strecke, sondern zuvor das Loskommen der SLOUGHI im Hafen von Auckland (nicht so im Film). Elaine hat auf eindrückliche Weise dargestellt, dass die Art und Weise, wie die SLOUGHI im Hafen von Auckland loskommt, praktisch unmöglich ist:

"Eine Schonerbrigg hat nicht nur ein Tau zum Festmachen, sondern vier, und die sind - insbesondere, wenn das Schiff bei starkem Wind an seinen Leinen zerrt - zu straff gespannt (und 5 cm dick), als dass ein kleiner 8jähriger sie einfach lösen könnte. Auch wäre die Sloughi von Auckland aus auf eine der Inseln vor der Stadt, spätestens auf die Coromandel-Halbinsel aufgelaufen, nicht auf eine Insel im Chonos-Archipel (siehe Atlas!). Also ist es ganz gut, dass die Filmemacher ein bißchen besser Karten lesen konnten als Onkel Jules!"
(Elaine, 28.11.2013, #382)

In lesenswerter Weise führt Elaine das noch genauer aus:

"Also, die Sloughi (von Onkel Jules) liegt in einer stürmischen Nacht des Jahres 1860 in Auckland am alten Queen Street Wharf und zerrt an ihren vier (oder sogar fünf!) Festmacherleinen, der Vorleine, der Vorspring, der Achterspring, der Achterleine (und der Mittelspring, die evtl. ein verantwortungsvoller Kapitän bei dem Wetter hätte belegen lassen […], alle fünf jeweils 2 Zoll stark.
[…] Das Schiff beginnt zu treiben – achteraus, versteht sich, denn ein Schiff, das ohne Segel keinen Vortrieb hat, keine Fahrt macht, und demzufolge auch nicht auf das Steuerruder reagiert, dreht sich mit dem Bug in den Wind; doch umschifft es, wie von Geisterhand gezogen, im Zickzack alle anderen Schiffe, die im Hafen auf Reede liegen, Browns (Motukorea) Island, Waiheke Island, Ponui Island, um dann straight, immer Heck voran, den Firth of Thames zu überqueren und auf die Westküste der Coromandel-Halbinsel zu scheppern."

(Elaine, 5.12.2013, #384)

Dank Elaine können wir sehen, dass das Buch von Verne in diesem Punkt nicht glaubhaft ist, ganz anders als die Darstellung im Film. Jetzt die sehr viel leichtere Frage:
Wie lange dauerte denn überhaupt die Fahrt der SLOUGHI mit den Jungs in dieser Westwinddrift zwischen Neuseeland und Chonos Archipel, Südchile?

Roman von Jules Verne:
Die Fahrt beginnt am 15. Februar 1860 und endet am 9. März 1860.
(Seite 43 und Seite 11 im deutschen Sonderband des Diogenes-Verlags, Zürich 1973, mit den Illustrationen der frz. Erstausgabe).
Demnach schaffte die SLOUGHI die Distanz von Neuseeland nach Südchile in 23 Tagen!

Eine Frage, schüchtern und leise: Ist das möglich?

Um diese Frage zu beantworten, nehmen wir zum Vergleich kein geringeres Schiff als die RESOLUTION von James Cook bei dessen zweiter Entdeckungsfahrt. An Bord war das deutsche Wunderkind Georg Forster, der einen der gehaltvollsten und bestgeschriebenen Reiseberichte verfasste, den die Geschichte kennt.

"Am 12ten [Dezember 1774] früh Morgens war von der Küste [Neuseelands] nichts mehr zu sehen und die Fahrt gieng nunmehro, zwischen Süden und Osten, auf Tierra del Fuego zu [Feuerland an der Südspitze Südamerikas]. Diesmal verliessen wir Neu-Seeland ungleich bessern Muthes [...] weil der Westwind, der bey dieser Jahreszeit und in dieser Breite unveränderlich wehet, uns eine günstige, schnelle Fahrt versprach. [...] Wir hatten nicht zu viel gehofft! Der Erfolg übertraf unsere Wünsche, denn auf der Fahrt von Neu-Seeland nach Tierra del Fuego legten wir, im Durchschnitt gerechnet, täglich einen Weg von 40 englischen Seemeilen zurück. Dies war ungemein viel, weil unser Schiff, seinem Bau, seiner Ladung und übrigen Beschaffenheit nach, sehr langsam segelte."

Wenn wir nun diesen Durchschnitt für die SLOUGHI zugrundelegen und rechnen:
8'500 km Distanz zwischen neuseeländischem Auckland und unbekannter Insel im südchilenischen Chonos-Archipel sowie 74 km (40 engl. Seemeilen) im Durchschnitt pro Tag, so wäre das tatsächlich viel zu langsam, um die Überfahrt in 23 Tagen zu schaffen, wie Jules Verne es darstellt. Aber: Verne schreibt ja nicht bloss von einem "günstigen Wind" wie Forster, sondern von einem Sturm! Was ist dann möglich?

Georg Forster über den 14. Dezember 1774 auf der RESOLUTION:

"Der Westwind blies mit bewundernswürdiger Stärke; er schwellte nemlich, der beträchlichen Breite ohnerachtet, welche der Ozean in dieser Gegend hat, die Wogen dermaassen an, dass sie fürchterlich hoch und gegen sechs bis sieben hundert Fuss lang wurden. Dies gab dem Schiffe eine äusserst unangenehme, schwankende Bewegung, besonders, wenn der Wind gerade hinter uns her kam. Man nimmt gemeiniglich an, dass die grösste Schiefe, in welcher ein segelndes Schiff sich gegen die Oberfläche des Wassers herabneigen kann, nie über zwanzig Grade betrage; allein hier war die See in solcher Bewegung, dass das unsrige mehr als dreyssig, ja bisweilen um 40 Grad von der Perpendicularlinie zur Seite lag! Herr Wales nahm sich die Mühe, es mathematisch auszumessen, und fand, dass der Winkel unter welchem es sich auf die Seite neigte, 38 Grad betrug [...].
Am 27sten wehte der Westwind mit solcher Heftigkeit, dass wir, der Schiffsrechnung nach, binnen 24 Stunden einen Weg von 184 Meilen (d.i. gegen 40 deutsche Meilen) zurücklegten, und dass war ungleich mehr als wir je zuvor gethan."


Georg Forster: Reise um die Welt. Illustriert von eigener Hand. Mit einem biographischen Essay von Klaus Harpprecht und einem Nachwort von Frank Vorpahl. (Erstausgabe 1778/1780). Frankfurt am Main 2007; erstes Zitat S. 547 f., zweites Zitat S. 548.

Das ist der entscheidende Hinweis! Bei sehr starkem Wind sind 40 deutsche Meilen möglich, das sind 300 km am Tag! (Und tatsächlich sind 184 englische Meilen (Land-, nicht See- !) rund 296 km, entspricht sich also.)

Wir halten fest: Ein "sehr langsames" Schiff wie die RESOLUTION schafft bei sehr starkem Wind in der Westwinddrift zwischen Neuseeland und Südchile einen Tagesrekord von 300 km (in 24 Stunden).
Nehmen wir nun an, die SLOUGHI sei unter genau denselben Umständen ebenfalls von Neuseeland nach Südchile gekommen, nur eben mit einem Rekord, der sich täglich wiederholt! Zu dieser Zusatzannahme sind wir berechtigt, da Jules Verne von einem pausenlosen Sturm schreibt.

Dann gilt:
8'500 km Distanz zwischen Neuseeland und Chonos-Archipel in Südchile, dividiert durch 300 km, ergibt rund 28 Tage. Demnach hätte es 5 Tage länger gedauert als die 23 Tage, die Verne angibt.
Aber: Verne spricht nicht bloss von einem starken Wind wie Forster, sondern von einem Sturm. Und die SLOUGHI, 100 Jahre später, war gewiss ein schnelleres Schiff als die RESOLUTION, die ja schon Georg Forster als "sehr langsam" bezeichnete. Nun, dann sind 23 Tage vielleicht immer noch rasant, aber gewiss nicht unglaubwürdig.

Hier endet für heute unsere Gelehrsamkeit.

Gelehrsamkeit subst. fem.
Staub, der aus einem Buch in einen leeren Schädel geschüttelt wurde. Das Unwissen, das den Fleissigen auszeichnet.
(Ambrose Bierce: Aus dem Wörterbuch des Teufels (The Devil's Dictionary, 1911), Frankfurt am Main 1966.)

loe


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18.03.2019 23:08
#476 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

ZWEI JAHRE FERIEN, deutsche Version, Intro:

Neues vom Räuber-Oberst Cerna

Nachtrag zu der Frage:

Woher nahm Walter Ulbrich den Namen oder auch die Figur dieses seines Obersten im nachgedrehten Intro?

Dort heisst es zu einer Zeit "während der Revolutionskämpfe" in Peru:

"Ein Oberst der peruanischen Armee, ein Mann namens José de la Cerna,
hat von dem Unternehmen Kenntnis bekommen.
Weil er die Sache der Militärregierung ohnehin für verloren hält,
plant er auf seine Weise für die Kriegskasse Sorge zu tragen:
Er hat vor, sie in die eigene Tasche umzuleiten.
Zu diesem Zweck hat er eine erlesene Truppe seines eigenen Regiments zusammengestellt und sie kurzerhand in Zivilkleidung gesteckt."


Elaine war es, die schon am 17.12.2017 (#441) auf "Senor de la Serna" hingewiesen hat. Gemeint ist damit der letzte spanische Vizekönig in Peru, José de la Serna, der tatsächlich zuvor militärischer Kommandant war (der Spanier).
Von hier hatte Ulbrich diesen 4-teiligen Namen. Die Namensänderung im Intro von diesem "José de la Serna" hin zu "José de la Cerna" besteht in einem einzigen Buchstaben.
Dieser wirkliche José de la Serna starb als reicher, satter Technokrat friedlich im spanischen Himmelbett und nicht im Kampf oder bei einem Coup. Von der Figur her gab es also keinerlei Inspiration! Auf jeden Fall musste Ulbrich ein sprachliches Unterscheidungsmerkmal finden, um keine Identität zu dieser historischen Person des Spaniers herzustellen, der gegen die peruanische Unabhängigkeit kämpfte. Wie kam er auf die Idee, "de la Serna" mit s einfach mit "de la Cerna" mit c zu ersetzen, also auf eine höchst elegante, kleinstmögliche Namensänderung, und zwar unter Beachtung wirklich existierender Eigennamen?
Sehr wahrscheinlich durch die Stadt Cerna. Sie liegt zwischen drei der rumänischen Drehorte (Tulcea, Harsova, Braila).

Aber der Unterschied zwischen "de la Serna" und "de la Cerna" ist nicht ohne Pikanterie und nicht ohne zusätzlichen Witz.
Denn wir haben bis jetzt nur davon gesprochen, wie Ulbrich sprachlich von "de la Serna" auf "de la Cerna" gekommen ist.
Was ist aber mit der Figur? Denn in Ulbrichs Intro geht es ja weiter:

"[…] Cerna selbst stirbt beim Coup,
seine Leute werden z.T. gefasst oder sterben bald darauf […]."


Auf welche Person im Range eines Commandante könnte dieser Satz grob gemünzt sein? Welche weltberühmte Persönlichkeit starb mit seinen gefassten Leuten beim Versuch, im Nachbarland Perus, nämlich in Bolivien, einen revolutionären Coup guerilla-artiger Prägung einzuleiten?

Ernesto (Che) Guevara de la Serna

Nicht wenige der Kinder, die in den 50er und 60er Jahre geboren sind, hatten in den 70er oder auch 80er Jahren das Poster von Che Guevara zuhause an der Wand oder an der Türe, also von dem weltberühmten argentinischen Arzt und Guerillaführer in der kubanischen Revolution. (Ich selbst hatte noch 1983 das schwarzweisse Poster an der Wand, nicht das schwarzrote.) Viele trugen das Bild auch auf dem T-Shirt, was ausserhalb Europas auch heute noch anzutreffen ist. Laut dem Maryland Institute College of Art ist die Fotografie, die Alberto Korda hier von Che Guevara gemacht hat, die berühmteste der Welt. Nach seinem Tod 1967 war Guevara bis in die 1990er Jahre einer der verehrtesten und gerühmtesten Menschen der Welt, nicht nur bei der Jugend, sondern auch bei Älteren, oft berühmten Schriftstellern und Philosophen.

Enthielt also der Intro mit "de la Cerna", der "Kriegskasse" und der "Umleitung in die eigene Tasche" eine Anspielung, ein Piekserchen des "kapitalistischen" Produzenten Ulbrich gegen das 70er-Jahre-Idol in Gestalt des marxistischen Guerillakriegers und revolutionären Commandante Che Guevara de la Serna, der nach der Revolution für kurze Zeit Chef der kubanischen Nationalbank war.

Ulbrich kannte den Namen des Spaniers in Peru, "José de la Serna", aus der Geschichte, wie wir dank Elaine wissen. Nur dies ist sicher.
Wahrscheinlich kannte Ulbrich auch Che Guevaras ganzen Namen mit "de la Serna", wie ihn in den 60ern und 70ern viele kannten (der Mädchenname seiner Mutter). Ulbrich freute sich wohl über die zufällige Namensgleichheit mit dem Spanier "de la Serna" und hatte wohl von Che Guevara her eine Inspiration, denn der Spanier gab ja als Figur für die Cerna-Geschichte überhaupt nichts her! Ganz anders Che Guevara de la Serna!
Auf jeden Fall brauchen wir Oberst Cerna nicht in der Geschichte Guatamalas zu suchen, wie ich es kürzlich tat! Ulbricht hat ihn mit Gewissheit nicht gekannt.
Darum sei hier festgehalten: Ich habe mich im Beitrag vom 10.03.2019 (#472) geirrt: Der Abschnitt über Guatamala ist überflüssig.

loe


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20.03.2019 15:26
#477 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

ZWEI JAHRE FERIEN:

Frage Nr. 5 in unserem Rückblick auf "10 Jahre grosses Elaine – Mariposa – Duett" lautet:

Ist das Zusammentreffen der Jungen, des Phantoms und der Piraten um Forbes auf derselben Insel allzu unwahrscheinlich, um glaubhaft zu sein?

Es gibt Dinge, die im Prinzip jeder herausfinden kann, wenn er sich nur aufmacht. Dann gibt es aber auch Dinge, die nicht jeder herausfinden kann, egal, wie sehr und wohin er sich aufmacht.
Vor ein paar Tagen wollte ich herausfinden, ob die 23 Tage in Jules Verne's Buch möglich sind, um mit einem Schiff im Dauersturm von Auckland zum Chonos-Archipel an der Westküste Südamerikas zu gelangen. Um diese Frage zu beantworten, muss man nur lesen können und die elementaren Grundrechenarten beherrschen. Jeder, der zwei bis drei Jahre lang die Grundschule besucht hat, kann das herausfinden, was ich gesucht habe.
Dagegen ist die Frage, die Elaine beantwortet hat, nämlich ob das Schiff der Jungen überhaupt so – wie von Jules Verne dargestellt – im Hafen von Auckland hätte loskommen können – und wenn ja, wohin wäre es dann gefahren –, etwas, was nicht jeder herausfinden kann; denn hierzu bedarf es eines Urteilsvermögens, das auf Sachverstand, auf Kenner- und Könnerschaft beruht, über die weiss Neptun nicht jeder verfügt. (Für alle Liebhaber- und Geniesser/-innen: unbedingt lesen: 5.12.2013, #384.)

Die heutige Frage ist wieder verwandt mit dem ersten Typ: Jeder kann hierzu einen Beitrag schreiben! Trotzdem ist die Frage nicht leicht zu beantworten, auf jeden Fall nicht eindeutig, sondern bloss sehr grob abschätzend. Zudem bietet sie einige Fallstricke. Beides liegt an der Natur der Frage, die eben mit Wahrscheinlichkeit zu tun hat.

In der wunderbaren Formulierung von Elaine lautet die Frage übrigens viel besser, und zwar so:

"Wie konnten

die Jungs, ohne Plan, aber mit Schiff,

die Piraten, mit Plan, aber ohne Schiff,

das Phantom (offenbar ohne Plan, aber mit Schatz) und

ein grosser Salpetersegler, hoffentlich mit Plan,

sich alle zur selben Zeit auf (oder zumindest nahe) einer mehr oder weniger großen südchilenischen Insel treffen?"
(31.10.2017, #436)

Erfrischen wir zunächst unser Gedächtnis mit einer Übersicht und stellen das Ganze als Zeitblöcke dar. Wenn jetzt hier unten gleich Einsen (1) übereinanderstehen, so bedeutet dies eine Überlappung, also ein Zusammentreffen. Ist dies nicht der Fall, dann null (0):

P 111111111
J 00001111111
F 000000011
S 00000000001


P = das Phantom
J = die Jungs
F = die Piraten um Forbes & Pike
S = der Salpetersegler

Wir haben eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Das Phantom als ein Schiffbrüchiger, der den Schatz auf der Insel entdeckte (laut frz. Version), musste schon längere Zeit auf der Insel gelebt haben. Also etwa 2-3 Jahre nach ihm gelangten die Jungs durch den Sturm auf diese Insel, und dann – fast zwei Jahre später – kamen die Piraten. Das Phantom und die Piraten enden gleichzeitig. Zuletzt begegnet das Boot der Jungs einem Salpetersegler, etwas entfernt, auf jeden Fall nicht in Sichtweite der Insel.
Wir wissen somit, dass Phantom, Jungs, Piraten und Salpetersegler sich NICHT zusammen an einem mattgoldenen Freitagnachmittag alle zufällig auf derselben Insel begegnet sind. Das wäre eine geringere Wahrscheinlichkeit als die, die wir suchen.

Um keine Verwirrung aufkommen zu lassen:
In Jules Vernes Roman entpuppt sich die unbekannte Insel – von den Jungen "Chairman Insel" genannt – als die wirkliche, bekannte Insel Hanover.
Im Film dagegen liegt die "Chairman Insel" mindestens 500 km weiter nördlich (= wärmer) als diese Insel im Buch. Die Insel im Film liegt im Chonos Archipel zwischen dem 44. und 46. Breitengrad, und um diese Insel geht es hier.

Elaine zu den Piraten:
"Die Piraten mussten da schon mehr Mühen und Plagen auf sich nehmen, denn die Schiffe, die von Australien und Neuseeland nach Osten fuhren, machten alle nicht freiwillig vor Südchile halt, sondern versuchten, so schnell und unbeschadet wie möglich Kap Hoorn zu umrunden oder sie steuerten irgend etwas zwischen Valparaíso oder San Francisco an. Es wird wohl auf ewig das Geheimnis der Phantasie Ulbrichs bleiben, auf welchen verschlungenen Routen die Piraten ihr Ziel erreicht haben sollen."

Hier hatte Elaine den Film nicht mehr ganz im Gedächtnis. Ich selbst musste die entscheidende Stelle, von der ich bloss wusste, dass es sie gab, wieder hervornehmen:

In 2. Teil sieht es zuerst noch so aus:
Es bleibt den Piraten um Forbes & Pike nichts anderes übrig, als den ganzen 42. Breitengrad von Neuseeland bis zur südamerikanischen Küste abzusegeln (52:30 - 53:25). Einfacher Grund: Auf der Schatzkarte ist der 42. Breitengrad eingezeichnet, ansonsten gibt die Karte nichts her.

Im 4. Teil sieht es schon ganz anders aus:
Während auf der unbekannten Insel der Jungen der Winter anbricht, wissen Forbes & Pike im neuseeländischen Hobart (Braila in Rumänien) mittlerweile ganz genau, um welche Insel es sich handelt und wo sie genau liegt!
Forbes erwähnt auch die genaue Distanz zum Festland und fügt hinzu, man könne von dort sogar mit einer Schaluppe zur Insel fahren.
Forbes & Pike haben also jemanden gefunden (im Film unausgesprochen), der die Insel von der Form auf der Schatzkarte her hatte identifizieren können (38:20 - 38:33).
Allerdings: Die kartografisch geklärte Insel später auch an Ort und Stelle in der Menge der Inseln im Chonos-Archipel zu finden, erforderte zehn Versuche. (Woher konnte Dick Sand das überhaupt wissen?)

Es gibt also kein Geheimnis um eine "verschlungene Route" der Piraten zur Insel. Wir müssen Ulbrich und seiner Fantasie in diesem Punkt Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das Wiedersehen auf der Insel ist nicht unglaubhaft, kein Wunder*. Das ist wichtig. Denn das Wiedersehen zwischen den Jungen und den Piraten um Forbes & Pike auf der 8'500 km entfernten Insel ist von allen Begegnungen die einzige, die mit Blick auf Wahrscheinlichkeit wirklich aussergewöhnlich ist. Es ist ja ein Unterschied, ob sich auf einer weit entfernten und unbewohnten Insel Leute begegnen, die sich noch nie zuvor im Leben begegnet sind, oder ob sich diese Leute schon kannten!

Demnächst mehr.

*Wunder subst. neutr.
Handlung oder Ereignis ausserhalb der Naturgesetze und unerklärlich wie das Überbieten eines normalen Blattes von vier Königen und einem Ass durch vier Asse und einen König. (Ambrose Bierce: Aus dem Wörterbuch des Teufels (1911), Frankfurt am Main 1966.)

Elaine



Beiträge: 324

22.03.2019 19:20
#478 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Lieber Leo (Du gestattest, dass ich mich Deines alten Nicknames bediene, der geht mir leichter über die Lippen/ in die Tastatur),

ich dachte, ich traue meinen Augen nicht, als ich am 10.03. Deinen ersten Beitrag nach fast 10 Jahren las!! Mir war sofort klar, dass Du das sein musstest - Dein Schreibstil hat Dich verraten
Auch ich bin ganz überzuckert von Deinem hohen Lob... ... kann es mir (als Korinthenkackerin vom Dienst ) aber nicht verkneifen, noch ein paar Ergänzungen zu Deinen umfangreichen Ausführungen zu tätigen.
Es gibt Dinge, denen muss man persönlich, live und in Farbe auf den Grund gehen, sonst geht es mit der Gelehrsamkeit wie im Wörterbuch des Teufels

E wie Ehre
… ich kenne (berufsbedingt) etliche Leute, die von gar keiner Form hinderlicher Ehre belästigt werden, nicht einmal von der milden Variante, der „Ganovenehre“. Außerdem hat es einige reale Entführungen in der Kriminalgeschichte gegeben, in denen das Opfer erst umgebracht, und dann das Lösegeld gefordert wurde, z.B. http://www.spiegel.de/einestages/lindber...n-a-947499.html
Unsere jungen Seehelden müssen Forbes mit ihrem Hang zu Fluchtversuchen unter Entwendung von Waffen und Fahrzeugen obendrein mächtig auf den Zwirn gegangen sein, stellten sie doch andauernd seine hochgesteckten Ziele (und die Unversehrtheit seiner kostbaren Haut) in Frage. Das gab mir zu denken.
Gleichwohl müssen wir als Tatsache anerkennen, dass er sie nicht umbrachte, denn sonst hätte der ganze Plot des Films einfach so nicht funktioniert. Wie immer wir uns das erklären – mit Ganovenehre oder mit Machtgehabe und der Lust am Katz-und-Maus-Spiel mit seinen ziemlich eigensinnigen und wehrhaften jungen Geiseln (kurz: mit Wahnwitz) - dürfen wir uns aussuchen...

G wie Geschwindigkeit
... hängt beim Segelschiff von der Länge des Rumpfes ab, je länger, desto schneller (potentiell). Außerdem hängt sie u. a. von den Fähigkeiten des Rudergängers ab: Ein Segelschiff lässt sich nie ganz geradeaus steuern, es bricht ständig nach Backbord oder Steuerbord aus – es „giert“. Der Rudergänger muss mit ununterbrochener Konzentration, Erfahrung und Feingefühl gegensteuern, also nicht zu stark, sonst haut sie gleich in die Gegenrichtung ab. Man fährt über Grund also immer eine Art Zickzack-Kurs um den zu steuernden Kurs herum, mit je kleineren „Zacken“, um so besser und schneller am Ziel. Es hat aber nicht jeder Rudergänger den Ehrgeiz und/ oder das Talent, nur wenig „herumzueiern“ – und bei Ungeübten wie unseren „jungen Admirälen“ (in spe) können wir auch keine Erfahrung voraussetzen.
Ich schätze die SLOUGHI so etwa auf 30 m L.ü.A.. Die SØREN LARSEN (rd. 40 m, die einem alterfahrenen Seemann zufolge, den ich auf der ROALD kennengelernt habe, groß für einen Südseeschoner gewesen wäre) hat auf dem Pazifik eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5 Knoten. Ich habe ihren früheren Kapitän, Jim Cottier, gefragt und er hat mir ganz nett mit einem langen handgeschriebenen Brief geantwortet. (Die GREIF, auf der ich selbst mitsegeln konnte, macht in der Ostsee übrigens durchschnittlich 4 kn.)
5 Knoten sind 5 Seemeilen (sm = 1,852 km)/ Stunde, das sind in 24 Std. 120 sm (= Etmal), macht bei 4525 sm, s. Posting #437, knapp 38 Tage.
Bernard Moitessier berichtet bei seiner Non-Stop-1,5-fach-Weltumseglung von einem außergewöhnlich schönen, sonnigen, manchmal sogar flautigen Sommer 1968/ 69 in den Roaring Forties zwischen Neuseeland und Kap Hoorn: kaum Stürme, selten steife Brise, eher laue Lüftlein. Es muss dort also nicht immer pausenlos stürmen.
Gehen wir von einem Durchschnittssommer mit regelhaft steifer Brise und ein oder zwei richtigen Stürmen aus, dann gebe ich unseren jungen Abenteurern, Pi mal Daumen, 5 – 6 Wochen, um über jenen „ganz großen Teich“ (1/3 der Erdoberfläche) zu kommen.

J wie „Papa Jules'“ Werke
… unter denen wir "Les Frères Kip" nicht vergessen wollen, in welchem ein Gauner-Duo, das in den Gewässern zwischen Tasmanien und Neuseeland ein Schiff mit wertvoller Fracht kapert, den Kapitän im Hafen ermordet und die Tat dann noch Unschuldigen in die Schuhe schiebt.

R wie Reiseroute...
… unserer Schurken ins Chonos-Archipel. Wie ich schon sagte, verliefen die probaten Segelschiffsrouten nicht gerade in der Nähe Nord-Patagoniens.
Natürlich wussten Forbes und Pike, welche Insel das war, und wo sie lag – sie hatten ja ihren alten Kumpel Walston ´rausgehauen, der sich im Pazifik auskannte wie in seiner Westentasche!
(Im wirklichen Leben wissen wir natürlich:Es gibt zwischen Puerto Montt und Kap Hoorn gar keine Insel, die so aussieht und einen so großen See in der Mitte hätte wie im Film: Chiloé ist der Größe nach etwa so groß wie die im Film beschriebene Insel, hat auch einen großen See in der Mitte, aber bei weitem nicht dieselbe Form. Und die, die vllt annähernd eine solche Form haben wie die Schatzkarte im Film, sind kleiner und haben keinen See in der Mitte.)
Aber wie auch immer – wie dort hinkommen, noch dazu alle 6, 7, 8 Mann auf einmal??!! Im offenen Boot werden sie wohl nicht über den ganzen Pazifik gemacht haben, eine Käpt'n Bligh'sche Leistung traue ich ihnen nicht zu.
Da muss also einem Kapitän, der von Neuseeland nach Valparaíso wollte, die halbe Besatzung auf einmal zu den Goldfeldern auf der Coromandel-Halbinsel oder bei Queenstown desertiert sein... Und von Valparaíso aus... dasselbe mit einem Küstenfrachter?? Zu welchen Goldfeldern da die vorherige Mannschaft abgezwitschert sein könnte, ahne ich gerade nicht... Und fuhren sie dann bis Puerto Montt, um sich dort das offene Boot zu besorgen??? Das war der letzte größere Hafen vor dem Großen Süden - bzgl. der Einwohnerdichte: dem Großen Nichts - bis Punta Arenas (Puerto Natales wurde erst 1911 gegründet)...
Wir müssen uns gleichwohl beeindruckt von der Ulbrich'schen Phantasie zeigen...!

S wie Schauspielern
… durch Rainer Basedow.
Kurt Tucholsky meinte im Gegenteil: „Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.“
Jedenfalls spielt er den leicht beschränkten Ganoven ausgezeichnet!
Ich habe Rainer Basedow wegen Mutterpflichten (kein Babysitter und mein Mann musste nachts arbeiten) 1995 ´mal knapp verpasst, als er 25 km entfernt mit der Lach- und Schießgesellschaft gastierte – das hat weh getan!

Tsch wie in „Chile“...
… Chiloé, Che Guevara oder „Oberst José de la Cherna“: Während im Italienischen und Rumänischen der tsch-Laut mit dem C vor einem e oder i dargestellt wird (Cinquecento, Cernavodă), ist es im Spanischen das Ch. C im Spanischen vor e oder i wird wie ein stimmloses S ausgesprochen (also wie in Ross, nicht stimmhaft wie in Rose). Ich habe mich mit allen drei Sprachen zu touristischen Zwecken herumgeschlagen (ganz zu schweigen von übrigen sprachwissenschaftlichen Studien) und gehe davon aus: Serna/ Cerna dürfte im Spanischen ziemlich derselbe Name sein (so wie bei uns Maier, Meier und Meyer), Cherna ein anderer.
Die Inspiration ist dennoch erkennbar... außerdem muss Ulbrich es irgendwie mit Fischen gehabt haben: pike = der Hecht, cherna = der (Atlantische) Wrackbarsch...!!

Elaine



Beiträge: 324

23.03.2019 10:48
#479 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Noch ein kleiner Fernsehtipp für alle, die sich für das Drumherum unseres wertgeschätzten Films "Zwei Jahre Ferien" interessieren:

Am Mo, 08.04.2019, kommt bei arte um

10:30 Uhr - Valparaíso die Stadt der Aufzüge
15:50 Uhr - Das Schwarze Meer: Bulgarien und Rumänien
22:10 Uhr - Das Geheimnis der Dame in Weiß; Regie: Gilles Grangier


Viel Spaß!!

Mariposa



Beiträge: 832

23.03.2019 11:32
#480 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Vielen Dank für die Info, liebe Elaine.

Ob ARTE wohl im Forum mitliest ... bei der Programmzusammenstellung ;-)

Manchmal haben Wünsche ans Universum sogar Erfolg.

Ganz herzlichen Dank auch an Leo, wieder soviel Leben ins Forum zu bringen. Du hattest uns gefehlt.

So schnell wird aus einem Duett ein Trio. Prima.

Ein schönes Wochenende wünsche ich
MARIPOSA

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