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 Adventsvierteiler und Weihnachtsserien - Vom Seewolf zu Anna
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loe



Beiträge: 61

04.04.2019 20:26
#496 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

ZWEI JAHRE FERIEN (Film: dt. und frz. Version)

Das Rätsel um Fort Pily

Offenbar hat Ulbrich das "Fort Pilar", das ja in der frz. Version vorkommt, für uns zu "Fort Pily" umgeformt.

"Fort Pilar" gibt es in der frz. Version nur für die Befreiung von „Weston“ (unser "Walston").
Einen Ausbruch von Forbes & Pike aus Fort Pilar – wie im deutschen Intro – gibt es in der frz. Version nicht.

Ulbrich war demnach bei seiner Übersetzung massvoll fantasiereich. Dennoch ist die Sache historisch gestützt, was er selbst nicht wusste:

Das wirkliche Fort Pilar ist eine militärische Festungsanlage, welche die spanische Kolonialregierung im 17. Jahrhundert in Zamboanga auf den Philippinen gebaut hat.

So musste unsere Suche in Neuseeland, Australien und Tasmanien ins Leere führen.

Wir vergessen immer, dass das Originaldrehbuch von den Franzosen geschrieben wurde.

Elaine



Beiträge: 330

05.04.2019 18:39
#497 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Wow – Leo, jetzt hast Du aber 10 Jahre Abwesenheit aus dem Forum innerhalb weniger Tage nachgeholt!!
Ganz herzlichen Dank für die Übersetzung von Forbes' (un-)seligem Ende in der französischen Version!!!
Da kann ich nur sagen...

Mon Dieu, Madre de Dios, Heilige Maria („im Elend“ oder außerhalb davon) – wir haben es mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun!
Die sorgen natürlich immer für Diskussionen im Team.

Ein Monsieur Forbes (französische Version), der auf den letzten Metern noch Selbsterkenntnis und einen Hang zum Philosophischen offenbart, und ein Forbes (deutsche Version) mit leicht irrem Glitzern in den Augen, mit mühsam unterdrückten Wutanfällen, wenn etwas nicht nach seiner Nase geht, und mit von ihm inszenierten Machtspielchen, eines nach dem anderen. Zum Schluss sind ihm gar seine sämtlichem Komplizen egal (die zwar auch fragwürdige Gestalten sind, aber doch die ganze Zeit wacker an seinen Plänen mitgewirkt haben).
Die (abgeklärte) Stimme unseres (späteren) Zweiten nautischen Offiziers aus dem Off informiert uns, dass (der dt.) Forbes „die Unverfrorenheit besaß, mitten durch befahrene Schiffsrouten zu segeln, ohne daran zu denken, den Namen der SLOUGHI zu ändern… vielleicht wollte er nur zeigen, dass er… mit seinem Schiff ungehindert überall hinkonnte... irgend ´was stimmte nicht an dem Kerl...“ und „... ich meine noch heute, dass er es nicht lassen konnte, Kopf und Kragen zu riskieren, um sich zu beweisen, dass ihm nichts schief gehen konnte... er spielte mit seinem Glück - aber wer tut das schon, wenn er nicht gerade ´nen Sparren locker hat...“ (ein richtiger Seemann hätte vllt gesagt, „ein paar Spanten locker hat“).
Kein Wunder, dass der eine auf Ganovenehre plädiert und die andere auf „dissoziale Persönlichkeitsstörung“ (diagnostischer Leitsatz: kann keine Empathie mit anderen Lebewesen empfinden - geht deswegen wie ein Brecheisen durch ´s Leben, Motto: „Hauptsache, vor meiner Tür scheint die Sonne“, bevölkert Gefängnisse, zuweilen auch Chefetagen)!
Obendrein bedenke man, dass Werner Pochath im wahren Leben ein herzensguter Mensch gewesen sein soll (ich erinnere mich gelesen zu haben, dass Marc DiNapoli ganz „überzuckert“ von seinem integeren Charakter gewesen sei)!

Ich hatte das kleine Detail des interkulturellen Aspekts „einer Frage der Ehre“ nicht übersehen
Natürlich ist unsere heutige europäische Kultur nicht mehr dieselbe, wie die zu Kaisers und Queen Victorias Zeiten, da hat es viele Veränderungen gegeben (den meisten Europäern dürfte es z.B. inzw. ziemlich „strange“ vorkommen, dass der Ehemann von Effi Briest sich im Namen der Ehre mit dem Ex-Lover seiner Frau auf Leben und Tod duellieren muss, obwohl die Affäre schon seit 6, 7 Jahren beendet ist und sein Chef ihn vorab auch noch mahnt: „Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglück ist hin. Aber wenn Sie den Liebhaber totschießen, ist Ihr Lebensglück sozusagen doppelt hin, und zu dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der Schmerz über getanes Leid. Alles dreht sich um die Frage, müssen Sie's durchaus tun? Fühlen Sie sich so verletzt, beleidigt, empört, daß einer weg muß, er oder Sie? Steht es so?“) - ich fürchte aber, der Mord an Kindern, die einem lästig oder gar gefährlich werden könnten (und Doniphan & Co. sind schon ganz schön wehrhaft und gar nicht mehr so kindlich), gehört zum kultur- und epochenübergreifenden Repertoire menschlicher Handlungsmöglichkeiten (obwohl die meisten Menschen es abscheulich finden) - ob nun bei der Armee oder gekrönten Häuptern (um die Thronfolge zu regeln), in der Literatur oder religiösen Überlieferungen, die oft trefflich den Finger auf die Eigenarten und Abgründe der Menschen zu legen wissen.
Ich halte es da eher mit der alten Weisheit: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“

Elaine



Beiträge: 330

05.04.2019 19:22
#498 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

„Papa Jules'“ unwahrscheinliche Geschwindigkeit der Pazifiküberquerung ist noch der kleinste faux pas bzgl. gewissenhafter Recherche (bei einem alten Kapitän in Le Havre, Marseille oder wo es ihm sonst möglich gewesen wäre)...
Ich sagte bereits weiter vorne, ich fand seinen Hang zur belehrenden Pädagogik schon mit 13, 14, 15 Jahren etwas befremdlich (war damals ja auch in keinem sehr aufnahmefähigen Alter für pädagogische Belehrungen ) - jetzt finde ich sie eher ermüdend und langweilig.
Trotzdem müssen seine Bücher ja ´was haben, dass wir uns selbst heute noch die Köpfe darüber heiß reden!

Die 1800 Meilen der Pazifiküberquerung in der dt. Filmfassung halte ich für einen ähnlichen Recherche-/ Regiefehler: Vllt dachte man historisierenderweise an die „lieue commune“, damit käme man auch etwa bei 8000 km ´raus...

Aber werfen wir einen Blick durch das Schlüsselloch maritimer Erfahrungsberichte auf den eines Matrosen über eine echte Pazifiküberquerung durch die Roaring Forties unter Segeln und (Dauer-) Sturmbedingungen - ein unternehmungslustiger junger Mann, der im Winter, Juni, Juli 1949, auf der PAMIR mit einer Ladung australischen Weizens fuhr: Auslaufen des Schiffes aus Port Victoria am 28.05.1949, Kap Hoorn achteraus am 11. Juli 1949, 1:00 Uhr nachts, 44 Tage, er spricht von rd. 6000 Meilen von Südaustralien bis Kap Hoorn, ich habe das bei Google.Maps aber jetzt nicht nachgemessen.
Wenn ich seine Beschreibung richtig verstehe, ist die PAMIR auch durch die „Howling Fifties“ gesegelt (beruhigenderweise gibt es auch noch die „Screaming Sixties“, aber dahin segelt kaum jemand - aus gutem Grund), um Zeit und Weg zu sparen und um das Letzte an Geschwindigkeit in Konkurrenz zu dem Motorschiffen aus ihr herauszuholen.
Die PAMIR war viel größer als alle unsere Verne'schen und Ulbrich'schen Schiffchen, aber vieles ist doch vergleichbar.

Ich zitiere (nicht „aus dem Handbuch des British Foreign Office'“, sondern) aus William F. Stark, "Das letzte Mal ums Horn", S. 128-142:
„Um drei Uhr nachmittags frischte der Wind weiter auf. Plötzlich tönte die Pfeife des Ersten Steuermanns vom erhöhten Brückendeck: drei lange, durchdringende Pfiffe. Das Signal für "alle Mann an Deck". Ein dunkler Wolkengürtel raste über die tobende See auf uns zu - Vorbote einer gewaltigen Bö.
Die Männer stürzten hoch aufs Deck und zogen sich im Laufen das Ölzeug über. Über dem Toben der See und dem Brüllen des Windes schrie unser Erster seinen Befehl, mit allen Mann die Bagien einzuholen, das unterste Segel am Kreuzmast, zusammen mit dem Großsegel eines der größten des Schiffes, ungefähr so groß wie ein Tennnisplatz. Der Kreuzmast ist der hinterste rahgetakelte Mast, daher bestand die Gefahr, dass Heck und Ruder des Schiffes aus dem Wasser gehoben wurden, wenn eine starke achterliche Bö in die Bagien fuhr. Damit konnte die Pamir kreuzgelegt werden - das heißt, der Wind könnte sie plötzlich quer zur Bö stellen und so mit voller Breitseite den gewaltigen Seen aussetzen. Viele Segelschiffe vor ihr waren quer gekommen und gekentert. Diese Schreckensvision hatte den Ersten zu seinem Befehl veranlasst.
Zwei Seeleute kämpften mit dem großen Steuerrad, um das Ruder zu halten. Alle sechzehn oder siebzehn Mann, die frei waren, arbeiteten sich Hand über Hand an den Strecktauen (in Kopfhöhe längsschiffs gespannt, S. 126) durch die wogenden Seen auf dem Achterdeck. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, immer auf der Luvseite aufzuentern; wenn das Schiff dann überholte, waren die Wanten weniger steil, außerdem drückte einen der Wind gegen die Webeleinen. Wir schwangen uns in die Kreuzwanten, die zu der gewaltigen Rah ungefähr fünfzehn Meter über dem Deck hinaufführten. Auf einmal wurde der Himmel dunkel. Das grüne Wasser wurde schwarz. Ich sah eine fürchterliche Windbö, die über die Dünung jagte und von den Wellenkämmen weiße Gischt aufpeitschte.
... Als der Wind durch das Rigg pfiff, schraubte sich sein Brüllen zu einem gellenden Kreischen hoch. Die Gischt schlug mir mit solcher Wucht ins Gesicht, dass ich mich abwenden musste. Die Pamir neigte sich auf die Seite, als wolle sie vor der Bö in Deckung gehen. Die Wanten, an denen wir uns festklammerten, kippten mit dem Schiff über und waren auf einmal viel weniger steil und ähnelten jetzt eher einer Treppe als einer Leiter.
Auf einmal machte es ratsch!, und die Bagien hing in Fetzen, der kreischende Wind hatte große Stücke Leinwand davongetragen - „ausgeweht“, wie der Seemann sagt. Die Fetzen, die noch an der Rah hingen, schlugen und knatterten im Wind. Weiße Funken stoben wie Feuerwerk im Dämmerlicht, als die Stahlkabel, die die Bagien gehalten hatten, durch die Luft sirrten und gegen andere Kabel, gegen die Stahlrah und den Mast schlugen.
Der Lärm war unbeschreiblich - ein ohrenbetäubendes Getöse aus hämmerndem Metall, kreischendem Wind und heftig knatterndem Segeltuch. … Wir verteilten uns auf der großen unteren Rah, indem wir mit den Füßen auf den Fußpferden weiterrutschten - einem Stahlkabel, das unter der Rah entlanglief - und uns mit den Händen an der Rah selbst festhielten, wie immer, wenn wir die Segel einholten. Waren alle an ihrem Platz, lehnten wir uns bäuchlings über die sechzig Zentimeter dicke Rah und griffen mit beiden Händen so tief wie möglich in die Leinwand. Bei besserem Wetter - das heißt, wenn wir uns hätten verständigen können - hätten wir mit einem rhythmischen „eins, zwei, zugleich!“ die schwere, ... Leinwand Bahn für Bahn auf die Rah gehoben. Jetzt zerrten wir so gut es eben ging mehr oder weniger gleichzeitig an den … wild umherflatternden Fetzen.
Und jedes Mal, wenn wir vorn am Segel zogen, flogen hinten unsere Füße mitsamt Fußpferden in die Luft, sodass wir auf der Rah eine Art Schaukelbewegung machten. Dabei krängte das Schiff um gute zwanzig Grad, und genauso die Rah. Hätten wir uns nicht an die Leinwand geklammert, wir wären allesamt die Rah hinunter und fünfzehn Meter tief in das schäumende, dunkle Eismeer gestürzt.
„Eine Hand fürs Schiff“, lautete eine alte Redewendung, „und eine Hand für den Mann.“
Völliger Blödsinn, ohne Zweifel von irgendjemandem erdacht, der nie im Leben selbst oben gewesen war. Es war vollkommen unmöglich, auf einem Schiff wie der Pamir ein Segel mit nur einer Hand zu bergen. Die Segel wogen mehrere hundert Kilo und waren steif wie die Wände eines Zirkuszeltes, und sie flatterten im Sturmwind. Man brauchte beide Hände und alle Kraft. Was ein Matrose auf den Rahen hingegen beachtete – und was auch ich bereits gelernt hatte, war, immer etwas in greifbarer Nähe zu haben, woran er sich bei Bedarf festhalten konnte. … In der Regel … stehen die Masten einigermaßen ruhig, da das Schiff bei starkem Wind eine mehr oder weniger gleich bleibende Krängung behält, und auch wenn es rollt, neigen sich die Masten nur langsam und schwingen niemals wild hin und her.
Seit Port Vic hatte ich mich daran gewöhnt, bäuchlings über den Rahen zu hängen, um die Segel einzuholen, aber ein solch unvorstellbares Durcheinander von Wind und Wasser und Lärm und Krängung hatte ich noch nicht erlebt. Ich war weniger ängstlich als vielmehr fassungslos, dass wir überhaupt dort oben waren. Es brauchte all unsere Kraft, die Fetzen des Segels zu bergen und auf die Rah zu hieven. Danach gingen wir auf den Fußpferden in die Knie und griffen unter der Rah hindurch nach den Beschlagzeisingen, den kurzen Leinen, mit denen das Segel an der Rah festgemacht wurde. Einer schleuderte den Zeising hoch über die Rah, sein Kamerad fing ihn auf und zurrte ihn fest.
Unten auf Deck war das Chaos noch schlimmer als oben. Eine schwarze Sturmbö nach der anderen hämmerte gegen das Schiff, die Windgeschwindigkeit war inzwischen größer als bei einem Orkan, das heißt weit über einhundertzwanzig Stundenkilometer. Das Schiff nahm gewaltige, grünschwarze Seen über Vor- und Achterdeck, so dass beide nahezu ununterbrochen unter eiskaltem Wasser standen. Die Männer hangelten sich an den Strecktauen entlang der Verschanzung von einem Punkt zum anderen und mussten dennoch jedes Mal um ihr Leben kämpfen, wenn eine besonders hohe Sturzsee über das Deck schlug und uns unter sich begrub. [... über der Verschanzung des Hauptdecks waren [senkrechte] Netze gespannt in der Hoffnung, die Seeleute, die über Deck gewaschen wurden, auffangen zu können, bevor sie im Ozean verschwanden, S. 127]
Der Kapitän hielt auf dem Brückendeck die Stellung, den Ersten Steuermann an seiner Seite. … Als die zerrissene Bagien festgemacht war, befahl Kapitän Björkfelt einmal mehr alle Mann nach oben, um das Großsegel einzuholen, das unterste Segel am Großmast, das zugleich das größte war.
Wieder enterten wir auf und arbeiteten uns im tosenden Wind auf dem krängenden Schiff die Rah entlang. Unsere Hände waren vom Kampf mit dem groben Segeltuch mittlerweile aufgerissen und blutig. Wieder stiegen wir auf das wogende Deck hinab, wo der Kapitän uns gleich wieder nach oben schickte, um die Fock einzuholen, das große unterste Segel des Fockmastes. Später hörte ich, dass dies eine der wenigen Gelegenheiten war, bei denen Kapitän Björkfelt in seinen dreißig Jahren auf See bei einem voll beladenen Schiff die Fock bergen musste, denn mit ausreichender Ladung ist ein Segelschiff in der Regel schwer und stabil genug, um auch bei starken Böen mit stehender Fock fahren zu können.
Jetzt standen an jedem Mast nur noch die Untermarssegel, also die zweiten Segel von unten. Diese hielten den Windjammer auch bei schwerem Seegang stabil und zogen ihn vorwärts, sodass er gut steuerte und sich nicht kreuzlegte. Doch die kräftigen Böen drohten noch immer das Schiff quer zu stellen. Kapitän Björkfelt befahl, die Pamir vom Kurs abkommen zu lassen, um sie dichter an den Wind zu bringen. „Beigedreht Fahrt voraus machen“, was der Kapitän nun befahl, bedeutete, leicht gegen den Wind zu segeln. Für ein Segelschiff im Sturm bot das weitaus mehr Stabilität, als vor dem Wind zu segeln. Wenn der Wind von vorn einkommt und nicht von achtern, ist die Gefahr des Kreuzlegens sehr viel geringer.
Der Befehl zur Kursänderung verursachte an Bord eines Windjammers wie der Pamir hektische Betriebsamkeit. Es war nicht damit getan, das Steuerrad ein, zwei Mal zu drehen, bis das Schiff in die andere Richtung fuhr. Jedes stehende Segel musste entsprechend ausgerichtet werden, sodass der Wind für den neuen Kurs optimal einkam. Die Mannschaft der Pamir besetzte die Brasswinschen, die auf dem Brückendeck hinter dem Großmast und auf dem Achterdeck hinter dem Kreuzmast verschraubt waren. Auf Kommando des Ersten stemmten wir uns gegen die Griffe und holten die dicken Drahtkabel ein, so dass hoch über unseren Köpfen die großen Rahen umschwenkten. In der Zwischenzeit wuchteten die anderen am Spill, um die Schoten und Halsen, die die unteren Ecken der Segel hielten, anzuholen oder Lose zu geben. Damit änderte sich die Stellung der Segel zum Schiff, während es auf den neuen Kurs ging, so dass der Wind im gewünschten Winkel in die Segel fuhr. … Auf der Pamir dauerte es zehn bis fünfzehn Minuten, bis die Rahen an allen drei Masten rundgebrasst und die Segel ordentlich gestellt waren.
Doch mit dem Beidrehen allein waren wir noch lange nicht aus dem Schneider. Da waren immer noch die gewaltigen Seen, mit denen wir uns herumschlagen mussten. Während wir oben waren, um die Segel zu bergen, hatte das Schiff eine zwölf Meter hohe Welle übergenommen, die das Oberlicht der Messe zerschlagen und die anliegenden Räume geflutet hatte. Kapitän Björkfelt schickte uns unter Deck, um die Quartiere mittschiffs mit Eimern und Lenzpumpen trockenzulegen. Das Ölzeug noch am Leibe, wateten wir durch den gefluteten Gang. Es war schon schwierig genug, auf den Beinen zu bleiben, jedes Fortkommen war ein echter Kampf. Das Schiff rollte hin und her, und in den untersten Ecken der Messe und unserer Quartiere stand das Wasser weit über einen Meter tief. Schwimmend bahnten wir uns einen Weg durch die umhertreibenden Laken, Matratzen und Seesäcke und die Bänke aus der Messe. Die sechzehn oder siebzehn Mann, die wir auf den Rahen gewesen waren, bildeten eine Kette und reichten die Eimer mit eiskaltem Seewasser von einem zum nächsten, bis hinaus aufs Deck.
Inzwischen war es dunkel geworden. Und während wir unten im Licht der Laternen Wasser schöpften, schlugen oben schwarze Sturzseen aus der Dunkelheit auf das Schiff, manche so hoch wie das erhöht liegende Brückendeck. Gegen 22 Uhr stieg eine gewaltige See aus der Dunkelheit und krachte über dem Kartenhaus zusammen. Es war eine äußerst stabil gebaute Hütte, die direkt hinter dem Steuerrad mit Kabeln auf dem Brückendeck festgemacht war und die Navigationsinstrumente und die Seekarten beherbergte. Die Sturzsee hatte eine solche Kraft, dass sie die Wetterseite eindrückte und die Leeseite davonschwemmte. Um ein Haar wurden beide Rudergänger mitsamt Kartenhaus über Bord gewaschen. Sie kamen mit einem blauen Auge davon, weil sie sich mit aller Kraft an die Sprossen des einen Meter achtzig großen Steuerrads klammerten. …
Eine der anspruchsvollsten Aufgaben war die Wache am Steuer. Alle Seeleute mussten schichtweise, egal ob bei gutem oder schlechtem Wetter, eine Stunde lang das Ruder übernehmen. Schon bei gutem Wind war das schwer genug. Als ich das erste Mal am Ruder stand, bei relativ ruhigem Wetter nicht weit von Port Vic, gierte das Schiff, während ich das Ruder hin- und herlegte in dem Versuch, einen geraden und ruhigen Kurs zu fahren. Die Arbeit des Rudergängers erforderte eine ruhige Hand, ein vorausschauendes Gespür für das Schiff und einen ausgeprägten Bizeps, um das sechsundneunzig Meter lange Segelschiff auf Kurs zu halten. Bei schwerem Wetter war es die reinste Hölle, vor allem bei achterlicher See. Anders als bei einem Motorschiff, … liefen bei Rahseglern wie der Pamir Kabel vom Steuer direkt nach achtern zum Ruder, ohne Unterstützung durch einen Motor. Es waren also einzig und allein die Muskeln des Rudergängers, die Steuerrad und Ruder bewegten. Bei sehr starkem und ungünstigem Wind brauchte es zwei Rudergänger, um das Ruder zu halten oder es wenigstens ansatzweise zu kontrollieren. … Zum Ausschlagen des Steuers kommt es, wenn bei achterlicher See Heck und Ruder aus dem Wasser gehoben werden und dann quer laufende Wellen gegen das Ruder krachen. Es wird mit unglaublicher Kraft herumgerissen, und das Steuerrad schlägt dem Rudergänger aus den Händen. Man kann nicht viel mehr tun, als sich so weit es geht gegen den Schlag zu stemmen und das Ruder so schnell wie möglich wieder umzulegen, sobald die Welle vorüber ist, um wieder auf Kurs zu gehen. …
Nach dieser kurzen Flaute traf ein Sturm nach dem anderen auf das Schiff, und wir wurden von einer ganzen Reihe von wütenden Stürmen über das Südliche Eismeer gejagt. In den kurzen Intervallen zwischen zwei Stürmen ließ Kapitän Björkfelt - der einräumte, dass dies eine ganz besonders stürmische Überfahrt sei - so viele Segel setzen wie irgend möglich. Wenn wir während der vierstündigen Freiwache in der Koje lagen, wurden wir früher oder später unweigerlich von drei schrillen Pfiffen des wachhabenden Steuermanns auf dem Brückendeck über uns aus tiefstem Schlaf gerissen. Oft schliefen wir in voller Montur, und unsere Kleider wurden selten trocken. Sobald wir einen Fuß auf den Kabinenboden setzten, wussten wir, wie schlimm der Sturm über uns tobte. Je stärker die Neigung, umso heftiger der Sturm. Wenn der Wachhabende drei Mal pfiff, war das Deck in der Regel so stark geneigt, dass wir uns an der Decke festhalten mussten, um nicht gegen die tiefer liegende Wand zu schlittern, wo … das Seewasser immer einige Zentimeter hoch stand.
Bei den wütenden Stürmen konnten die Köche keinen Topf auf dem Herd und keinen Teller auf dem Tisch halten, und so beschränkten sich unsere Mahlzeiten auf das, was wir auf dem Weg zur nächsten Alle-Mann-Wache in die Finger kriegten. Und mit jedem Tag wurde es auf den windgepeitschten Decks kälter. Die nasse Kälte drang durch die dickste Kleidung und ließ uns bis auf die Knochen frieren, obwohl die Temperaturen selten unter null Grad Celsius sanken.
Ich hatte zweiundzwanzig Winter in Wisconsin hinter mich gebracht, ich trug zwei Paar Hosen, drei Pullover, eine Wollmütze und mein Olzeug, und dennoch schien der Wind, der vom Südpol heraufkam, durch mich hindurchzuschneiden. Ich war ständig nass, mir war eiskalt, die überkommenden Seen setzten alles unter Wasser, aber das Schlimmste war nicht die Kälte oder die Nässe, das Schlimmste war der fehlende Schlaf zusammen mit der pausenlosen knochenharten Plackerei. Es war ein grauenhafter, immer gleicher, pitschnasser Alltag - soweit man das Alltag nennen kann. Wir maßen die Zeit nicht in Tag und Nacht, sondern in Wachen, Böen, Alle-Mann-Pfiffen und den Breitengraden, die die Pamir auf ihrem Weg nach Kap Hoorn durch das Südliche Eismeer gen Osten passierte.“

Jetzt können wir uns ein bisschen vorstellen, welcher „Punk“ an Bord eines Segelschifes bei Orkan in den Roaring Forties (oder Howling Fifties) abgeht, wenn auf Geschwindigkeit gesegelt wird.
Übrigens hilft Segelbergen und das Tuch auf der Rah zu packen noch nicht einmal unbedingt so richtig (so Crewmitglieder auf der ROALD AMUNDSEN, die bei einem Überführungstörn im Herbst in der Biskaya in einen Sturm gesegelt waren): der Wind kann die Segel auch zwischen ihren (besonders langen Sturm-) Beschlagzeisingen auspacken, d. h. herausziehen und zerreißen.
Wir wissen, welche Gewalt ein Orkan im Binnenland hat, auch ähneln sich die Beschreibungen in der Maritimliteratur zu sehr (John Masefield ("Victorious Troy. ..."), Rosenberger, Schulz, Haack-Vörsmann, …), um sie als „Seemannsgarn“ abzutun.
Das Metier hieß nicht umsonst zur Clipper-Zeit „die eisernen Männer auf den hölzernen Schiffen“.

Selbst nach meinen bescheidenen Erfahrungen als „Mitseglerin“ auf der GREIF und als „Deckshandanwärterin“ auf der ROALD, die an Bord noch nicht mehr als Windstärke 7, 8 erlebt hat (weil die modernen Segler ihren Trainees keinen ernsthaften Sturm zumuten, außer er überrascht sie), ist die Beschreibung von W. F. Stark nicht übertrieben, kein Seemannsgarn, wie ich es an manchen Stellen im „Seewolf“ und den Südseegeschichten von "Onkel Jackie" vermute.
Das Reißen eines Segels habe ich selbst erlebt, als die GREIF aus dem Windschatten von Kap Arkona hinaus- und unerwartet in eine Bö (vllt Beaufort 6, 7) hineinsegelte: Sie krängte so weit, dass das Wasser vorn über die Reling schoss und das Deck gut unter Wasser setzte, der Wind heulte auf, es sagte elegant „rrraaaatsch!“ und wir konnten zugucken, wie die Bram (das zweitoberste Rahsegel, ein Schönwettersegel aus leichtem Tuch) einen langen Riss bekam... Die Stammcrew der GREIF sind Vollprofis (die sie z.T. noch als Segelschulschiff der DDR gesegelt haben), wir waren mit dem Aufgeien und Bergen der gerissenen Bram und dem Bergen der übrigen weiter oben geriggten (und für die Windstärke unpassenden) Segel also ziemlich geordnet und fix. Trotzdem war es ein bisschen dramatisch.

Die RESOLUTION und die PAMIR wurden auch von Vollprofis gesegelt (und wer es am Anfang der Reise noch nicht war, der war es am Ende nach 3 Jahren/ 4 Monaten auf jeden Fall; Mr Stark gibt allerdings unumwunden zu, auch dann noch ein „lausiger Rudergänger“ gewesen zu sein). Auch redet Mr Stark von muskelbepackten jungen Kerls, die auf Abenteuer aus sind, nicht von kleinen Jungs wie Papa Jules.

Du hast recht, Leo, wenn Sturm aufzieht, werden Segel geborgen (und zwar von oben nach unten), der starke Wind hilft der Geschwindigkeit also nicht linear auf. Die gute, alte Beaufort-Skala ist u. a. darauf bezogen, wann welche Segel geborgen werden. Weiter oben sind die Schönwettersegel (aus leichterem Tuch), weiter unten die Schlechtwettersegel, wobei die Segel ganz unten oft auch eher Schönwettersegel sind, weil sie bei Sturm von der Gischt durchweicht, dadurch schwer werden und das Schiff destabilisieren würden. Beim Rahsegler bleiben bei Sturm die Marssegel (zweite von unten) stehen, die sind aus ganz stabilem Material.

Wenn es ganz dicke kommt (z.B. wichtige Segel gerissen sind und die Seen schon zu hoch gehen, um zu wenden und den Bug in den Wind zu drehen), „lenzt das Schiff vor Topp und Takel“, d.h. es läuft nur mit dem Winddruck auf seinen Rumpf, seine Masten und Spieren (Rundhölzer) mit dem Seegang vor dem Sturm. Stell Dich ´mal draußen gegen Windstärke 12, dann merkst Du, dass auch das geht. Es ist aber gefährlich, weil brechende Seen doch schneller sein und von hinten auf ´s Heck krachen können. Deswegen wird eher vorausschauend geguckt, wann es Sinn macht, „beizudrehen“, d.h. (bevor die Wellenberge zu hoch sind und das Schiff beim Wenden herumrollen könnten) das Schiff mit dem Bug in den Wind zu drehen: Dann bleiben auf dem Schiff noch die ganz kleinen (Sturm-)Segel stehen, die das Schiff stabil im Wind zu halten, und es treibt mit 1 - 2 Knoten (2 - 4 km/h) achteraus.
Hölzerne Schiffe mussten zu alledem noch regelmäßig mit einer nicht ganz leicht zu bedienenden Lenzpumpe gelenzt (leergepumpt) werden, weil sie Wasser zogen (Wasser also durch die Dichtungen hineinsickerte).

Jetzt fragen wir uns:
Können 8- bis 14jährige Jungen (bei „Papa Jules“) das wochenlang überleben, zumal der einzig see-erfahrene unter ihnen (Schiffsjunge Moko) auch nur so 9-10 Jahre alt ist? Könnten sie im Dauersturm das Steuerruder halten, könnten sie verhindern, dass sie vor den Wellen quer kommen und kentern?
Höchst unwahrscheinlich – sieht wirklich schlecht für sie aus.
Dann fragen wir uns:
Könnten es denn Jungs im Alter zwischen zwischen 12 und 17 Jahren überleben?
Wenn Dick Sand sie gut im Griff hat, wenn sie ordentlich von ihm gelernt haben, wenn der ganz große Sturm erst zum Schluss kommt, wo sie schon in Übung mit der Schiffsführung sind, wenn sie das Steuer keinen Moment sich selbst überlassen, wenn Dick vllt sogar rechtzeitig beidrehen lässt (statt nur "so ein Gefühl" zu haben, "dass sich da ´was zusammenbraut"), wenn sie am Ende auf einen Sandstrand auflaufen und nicht auf eine Felsenküste... dann haben sie – mit gutem Willen – eine Chance.
Dass Sie dabei gerade Forbes' Schatzinsel erwischen, kann ich nur als Ironie des Schicksals bezeichnen (mit welchem Wahrscheinlichkeitsquotienten auch immer).

Ach, ja, und Forbes' "Kurs auf Schatzinsel": Die Frachtsegler segelten mindestens seit der Mitte des 19. Jh. enorm auf Geschwindigkeit (z.B. um als erste den chinesischen Tee an die Londoner Börse zu bringen; später, um gegenüber den Motorschiffen noch konkurrenzfähig zu sein) - da erscheint mir sehr fraglich, ob ein Segelschiffskapitän sich von Forbes zu einem „Umweg“ hätte becircen lassen.
Und warum fuhr derselbe nicht mit einem Dampfer? Und warum kam er mit seinen 20.000 Pfund nicht gleich, spätestens im nächsten Frühjahr, Oktober 1897??


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Elaine



Beiträge: 330

05.04.2019 19:37
#499 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Last but not least...

Peruanische Schätze auf Juan Fernández (33 Grad 40 Minuten südl. Breite)?
Quod erat demonstrandum...
Für ein Segelschiff ist der kürzeste Weg nicht immer der schnellste (nicht anders als bei der Frage der Reiseroute mit dem Auto: Über Landstraße oder Autobahn?).
Von Callao aus kann man ganz gut auf einem Am-Wind-Kurs mit dem Passat zur „Robinson-Crusoe-Insel“ kommen, schätze ich – warum sich dann noch die Zone der wechselnden Winde und die Westwinddrift (die es in sich hat, wie wir gesehen haben) antun oder sich mit dem Land-See-Wind-System immer an der Küste halten (für ein Schatzschiff wohl etwas riskant), um bis zum Chonos-Archipel weiterzusegeln??

Mariposa



Beiträge: 841

06.04.2019 10:20
#500 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Fleißig, fleißig ... meinen Mit-Autoren und Forumskollegen ein herzliches Dankeschön für soviel Aufklärung. Zu Schulzeiten hätte es ein Fleißkärtchen dafür gegeben. Meistens mit Märchenbildern oder Märchenstempeln oder manchmal mit Blumenbildchen aus dem Gartenkatalog. Gab es diesen schönen Brauch außerhalb des Saarlandes auch?

Engländer können den spanischen Namen Pilar meistens nicht richtig aussprechen und machen Piller daraus. So wäre es dann wohl ein Fort Piller geworden. Dann wäre Javier Bardems Mama und Penélope Cruz' Schwiegermama ja nach einen Fort genannt worden . Eine Frau wie ein Fort .

Immerhin hat mich das fiktive Fort Pily dazu inspiriert, mir ehemalige Gefängnisse in Neuseeland und Tasmanien anzusehen. In NZ sogar drinn zu wohnen. Wenn ich bedenke, was in Tasmanien mal Schlimmes passiert war, scheint dort immer noch ein sehr böser Geist zu herrschen.

Übrigens sind meine Erfahrungen mit Hobart so, dass ich das Gefühl hatte, dass abends keine Bordelle geöffnet sondern die Bordsteine hochgeklappt werden. Für nächtliche Streifzüge nicht so unbedingt die ideale Destination. Vielleicht gab es früher dort mal ein Nerven zerfetzendes Nachtleben, zumindest in Autorenphantasien. Im Jahr 2000 war es nicht mehr der Fall. Selbst ein Segeltörn (am Tage) wurde storniert. Dafür haben wir eine Art Flußkreuzfahrt gemacht und die war nett. Am meisten ist mir in Erinnerung geblieben, dass Seen und Flüsse in der Wildnis die Farbe von Tee hatten. Dieses schmutzig aussehende Wasser war meistens trinkbar wäre klares, rein scheinendes Wasser einem zu Schaffen machen konnte. Da wären Forbes, Pike und Mannschaft tagelang wegen Dünnschiss außer Gefecht gewesen. Keine sehr würdigen Film-Szenen.

Ein schönes Wochenende wünsche ich
MARIPOSA

loe



Beiträge: 61

06.04.2019 22:00
#501 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Liebe Elaine

Herzlichen Dank für Deine guten Worte. Die verlorenen 10 Jahre kann ich vielleicht nie ganz wettmachen, aber dafür hoffe ich, hie und da noch einige Dinge für die tolle Diskussion hier beitragen zu können.

Du hast in den letzten Tagen sehr wichtige Dinge geschrieben. Ich beginne mit dem Allerwichtigsten:

Ich habe Deinen grossartigen Ausschnitt von William F. Stark, "Das letzte Mal ums Horn", viermal hintereinander lesen müssen, so beeindruckt war ich davon. Atemberaubend! Spuckewegbleibend! Ich weiss nicht, ob ich in meinem Leben schon einmal so etwas Lebendiges, Mitreissendes und vor Augen Führendes gelesen habe. Ein Lesegenuss und ein Leseabenteuer ohnegleichen. Ich danke Dir sehr herzlich für diese Freude, die Du mir und natürlich auch allen anderen damit gemacht hast.

Zugleich ist dieser Auschnitt von William Stark, vor allem mit Deinen Ausführungen hierzu (!), ein buchstäblich schlagendes Argument in unserer grossen Diskussion "G wie Geschwindigkeit".
Ich gebe gerne zu: "Gute Nacht, Jules, träume süss, du bist nicht mehr zu retten, auch nicht von Leo."

Diese grossartige Textpassage zusammen mit Deinen Überlegungen zur Sache sollte jeder Mensch lesen, der:

(a) sich für ZWEI JAHRE FERIEN oder den SEEWOLF begeistert.
(b) sich für Schifffahrt (inkl. Piraterie) interessiert.
(c) sich für Geschichte, Gegenwart, Geografie, Meteorologie, Klimatologie interessiert.

Kurzum: Diese Textpassage sollte ein jeder und eine jede lesen, der auf dem Ball dieser Erde lebt!

Ich danke Dir ganz besonders auch für Deine kenntnisreiche und auch aus eigener Erfahrung geschöpfte Beantwortung der für mich ungeklärten Frage, ob der Sturm im Unterschied zum starken Wind das Schiff noch schneller hätte machen können, sowie für die sehr interessanten Details, was in diesen schwierigen Momenten alles an Bord zu tun ist! Ich beneide Dich um diese Deine wertvollen Erfahrungen, von denen wir hier so viel mitnehmen können!

Dank Deinem grossartigen Beitrag können wir wohl das wichtige und reizvolle Kapitel "G wie Geschwindikgeit" im Logbuch ZWEI JAHRE FERIEN schliessen.

Aber dieses Abschliessen heisst auch: Dass wir von Zeit zu Zeit das Logbuch wieder aufschlagen, um Deinen Beitrag vom 5. April 2019 wieder zu lesen und immer mal wieder zu lesen!

loe



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07.04.2019 11:42
#502 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

ZWEI JAHRE FERIEN (Film dt. Version und frz. Version)

F wie Forbes

Elaine, Deine Diagnose "Wir haben es mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun!" trifft auf Forbes ganz gewiss zu. Das gilt nicht nur für unseren Gesamteindruck vom deutschen und vom französischen Forbes. Das gilt sogar schon für den französischen Forbes allein. Diese vier Zeilen weisen schon darauf hin:

[1] Und ich will nicht wieder der Mensch werden, der ich gewesen bin.
[2] Ach, im Grunde genommen ist es mir egal.
[3] Denn eine Sache ist sicher. Ja, ich habe Gold, viel Gold, alles Gold, das ich will.
[4] Und wenn das nicht genug ist, um mein eigenes Gewissen zu beruhigen..., dann werde ich das meiner Mitmenschen kaufen.

Schon in Zeile 2 hebt Forbes den ernsthaften, gewichtigen Vorsatz aus Zeile 1, ein anderer Mensch werden zu wollen, einfach wieder auf, da es ihm nun plötzlich gleichgültig ist.

In Zeile 4 nimmt Forbes vorausblickend schon zwei Möglichkeiten vorweg:

a, falls x wahr ist;
b, falls x falsch ist.

x = Das Gold ist genug, um meine moralischen Gefühle zu korrumpieren.
a = Ich habe nichts zu tun, was das vergangene Leben betrifft.
b = Ich werde die moralischen Gefühle meiner Mitmenschen korrumpieren.

Unglaublich! Wenn wir uns das vor Augen halten, so können wir über die dt. Wikipedia bloss husten wie Forbes im Höhlensteinschlagstaub. Wikipedia schreibt über diese Szene in der frz. Version, Forbes empfinde

"kurz vor seinem plötzlichen Tod Gewissensbisse wegen der vielen Toten auf seinem Gewissen, ein Berührungspunkt mit der literarischen Vorlage von Verne."

Hier oder nie würde good old Forbes sich im Grabe umdrehen, wenn er noch leben würde! Meine Fresse, weiss denn Wikipedia überhaupt, was Gewissensbisse sind? (Denen sollte Phann mal zeigen, wo die Beisserchen liegen.)
Laut Duden: ein quälendes Bewusstsein, unrecht gehandelt zu haben!
Sehen wir bei Forbes ein "quälendes Unrechtsbewusstsein"?
Ich sehe bloss einen zwischen grossen Vorsätzen und Gleichgültigkeit hin- und hergerissenen Menschen, der trotz heissem Temperament im kühlen Kalkül sich selbst und seine Umwelt zu seinem Vorteil zu korrumpieren weiss.

Darum ja, Elaine, ich glaube auch: Deine Diagnose trifft zu. Und wie Du schön sagst, die so Gestörten bevölkern Gefängnisse wie auch Chefetagen (nicht bloss "zuweilen", sondern vorzugsweise).

Beim Deinem Wort "Gefängnisse" fällt mir etwas Wichtiges zu unseren Plädoyers ein.
Selbst wenn Forbes zu keiner Empathie fähig wäre (ausser vielleicht für Phann, den Hund), so kann sein Ehrgefühl ihn dennoch sehr wohl abhalten von der Ermordung von Kindern und Jugendlichen zwischen 12-17 Jahren. Es gibt etwas weitgehend Gleichbleibendes in Gefängnissen von der Antike bis zum heutigen Tag ("Fall Rupperswil"). Dort herrscht eine brutale Hierarchie, die sich auf Respekt und einen stillschweigenden Ehrenkodex bezieht. Ganz unten sind jene, die sich an Frauen vergangen haben. Und zuallerunterst sind jene, die sich an Kindern vergangen haben oder die Kinder ermordet haben. Die Verbrecher auf diesen beiden tiefsten Stufen sind ihres Lebens im Gefängnis nicht sicher. Sie werden als der letzte Dreck gehasst, verachtet und von den anderen Verbrechern malträtiert.

Und dieser Ehrenkodex gilt ja nicht nur im Gefängnis, sondern genauso draussen in der Welt! Forbes hat wegen des Schatzwahns einen Menschen auf dem Konto: Tom Caine. Auf den guten O'Brian hat er nicht geschossen! Forbes war ein harmloser Kurpfuscher, der "auf ländlichen Märkten die Farmer mit selbsthergestellten Heilwassern und Pillen betrogen" hatte. Dass dieser Quaksalber Forbes, dem Respekt und Selbstachtung(*) so wichtig sind, jetzt auf einmal Kinder im Alter zwischen 12-17 Jahren "en gros" umbringt (9 an der Zahl), ist natürlich nicht unmöglich, aber eben sehr, sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich.
Wären wir beide Geschworene im "Forbes Case", so wäre Forbes in der Untersuchungshaft an Altersschwäche gestorben, der Richter ruhte auf dem Friedhof, das Türchen zur Anklagebank wäre von Spinnweben überzogen, das Gerichtsgebäude wäre baufällig, und Du und ich hauten mit dem Krückstock auf den Tisch der Geschworenenkammer, um die Argumente zu unterstreichen.

(*)Selbstachtung subst. fem.
Eine falsche Einschätzung
Ambrose Bierce: Aus dem Wörterbuch des Teufels (1911). Frankfurt a.M. 1966.

loe



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07.04.2019 17:04
#503 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

ZWEI JAHRE FERIEN (Film dt. Version und frz. Version)

Liebe Elaine, Deinen Wink mit "quod erat demonstrandum" im Blick auf peruanische Schätze und Juan Fernandez habe ich nicht ganz verstanden.
Meintest Du vielleicht: Die Lage ungehobener Schätze auf Inseln da draussen in der Welt sei etwas, worauf der strenge Gewissheitsanspruch eines "q.e.d." keine Anwendung finden kann? Ja, das sehe ich genauso wie Du. Allein der wirkliche Fund ist der Beweis, und keine papierene Ableitung kann dies leisten.
ABER wir müssen etwas sehr Wichtiges beachten: Wir hatten ja vor uns ein Argument über Inseln und ungehobene Schätze, das zu einer Folgerung führte, die draussen in der Welt falsch ist. Und daraus können wir mit einer absoluten Gewissheit (logisch zwingend) sagen, dass mindestens eine Voraussetzung dieses Arguments falsch sein muss! Diese absolute Gewissheit ist uns sofort gegeben. Sie kann durch nichts erschüttert werden! Wir haben hier tatsächlich einen kleinen logischen Beweis! Darum hätte ich das Kürzel "q.e.d." tatsächlich setzen können! Ich habe es nicht getan; erstens, weil mit "Beweis" meist ein grösseres Gebilde gemeint ist, zweitens aber, weil ich unsere Diskussionen nicht mit so etwas Hochtrabendem verzieren wollte. Käme mir dabei affig vor. Mein Respekt vor den schwierigen Problemen und den gewaltigen Leistungen in der Mathematik ist so gross, dass ich das Kürzel dort lasse, wo es besser aufgehoben ist.

Zwei Dinge müssen wir auseinanderhalten:

(a)
Wenn wir wissen wollen, ob der grösste aller Piratenschätze, der Peru-Goldschatz, den der Milliardär Bernard Keiser seit Jahren auf Juan Fernandez sucht, tatsächlich auf Juan Fernandez liegt, kann kein Argument (Beweis) garantieren, dass er dort ist. Solange wir den Schatz nicht gefunden haben, haben alle Argumente über die Lage des Schatzes bloss Grade von Wahrscheinlichkeit.

(b)
Wenn wir aber wissen wollen, ob ein Argument über die Lage dieses Peru-Goldschatzes logisch gültig ist, so blicken wir auf die Schritte des Beweises ausgehend von den Voraussetzungen. Nicht aber blicken wir auf die greifbare Welt! Das bedeutet:
Wenn die Voraussetzungen als wahr gesetzt sind und wenn die Schritte logisch folgen, dann ist die Schlussfolgerung wahr (Wahrheit durch Setzung und logische Herleitung).

Zum Beispiel sei als wahr vorausgesetzt:
die letzten dokumentierten Worte des Fregattenkapitäns und Freibeuters Sir Toby:
(Von seinen zwei Aussagen sei jede entweder wahr oder falsch; das ist nicht so trivial, wie es klingt!)

"Ha, wer Ohren hat, der lausche gut:
Ist der Schatz nicht auf Juan Fernandez, so schlummert er auf der Insel Wangerooge.
Liegt er dort nicht, so wartet er auf der Kokos-Insel.

Beim Henker, ich red' keinen Kokolores!"


Sir Tobys zwei Aussagen sind hier unten gleich die Aussagen Nr. 1 und Nr. 2. Wir fügen ihnen noch hinzu, dass der Schatz nur an einem Ort sein kann. Das sind unsere Aussagen Nr. 3,4,5. Wir haben also fünf Voraussetzungen für unseren Beweis:

1. Wenn der Schatz nicht auf Juan Fernandez ist, dann ist er auf Wangerooge.
2. Wenn der Schatz nicht auf Wangerooge ist, dann ist er auf der Kokos-Insel.

3. Es ist nicht der Fall, dass der Schatz sowohl auf Juan Fernandez wie auf der Kokos-Insel ist.
4. Es ist nicht der Fall, dass der Schatz sowohl auf Wangerooge wie auf der Kokos-Insel ist.
5. Es ist nicht der Fall, dass der Schatz sowohl auf Wangerooge wie auf Juan Fernandez ist.

----
6. Nehmen wir an, der Schatz ist auf der Kokos-Insel: Beginn Unterbeweis.
7. Aus 6. folgt zusammen mit 3., dass der Schatz nicht auf Juan Fernandez ist.
8. Aus 7. folgt zusammen mit 1., dass der Schatz auf Wangerooge ist.
9. Aus 8. folgt zusammen mit 6., dass der Schatz sowohl auf Wangerooge wie auf der Kokos-Insel ist.
10. Das aber (9.) ist ein Widerspruch zur Voraussetzung Nr. 4: Ende Unterbeweis.
11. Aus dem Unterbeweis (6. bis 10.) können wir schliessen, dass der Schatz nicht auf der Kokos-Insel ist.
12. Die Voraussetzung Nr. 2 (~W –> K) ist logisch gleichbedeutend mit ihrer Umformung (~K –> W), also:
Wenn der Schatz nicht auf der Kokos-Insel ist, dann ist er auf Wangerooge.
13. Daraus (12.) und aus 11. folgt, dass der Schatz auf Wangerooge liegt.

q.e.d.

Hier WÄRE das Kürzel angebracht. Aber, wie oben gesagt, es wäre läppisch.

Also liegt der Schatz auf der deutschen Insel Wangerooge in der Nordsee!
Was ist nun aber, wenn wir nach diesem schönen Beweis die ganze Insel Wangerooge umgraben und nichts finden? Dann ist der Beweis immer noch richtig! Spätestens jetzt merken wir, dass unsere schöne Schlussfolgerung "Schatz auf Wangerooge" bloss auf gesetzten Annahmen und auf Herleitungen daraus gründet:
WENN alle Voraussetzungen wahr sind (wären) und wenn die Schritte des Beweises korrekt sind, dann muss (müsste) auch die Schlussfolgerung wahr sein. Der Beweis ist immer noch gültig!
Wissen wir nun aber, dass die Schlussfolgerung nicht wahr ist, weil wir keinen Schatz auf Wangerooge gefunden haben, so bedeutet dies:
Das Argument ist gültig (das sehen wir, weil die Schritte des Beweises korrekt sind), aber das Argument ist nicht schlüssig (nicht beweiskräftig), da ja die Schlussfolgerung falsch ist.
Daraus folgt zwingend:
Mindestens eine Voraussetzung muss falsch sein. (Du könntest sagen "q.e.d.")
Genau diesen Fall hatten wir ja in der Diskussion über den Schatz und die Entfernungen von Peru. Dort konnten wir sogar genau sagen, welche Voraussetzung falsch ist! Bei Sir Toby können wir es nicht.
Ein Argument ist eben nur dann schlüssig (beweiskräftig), wenn es gültig ist UND wenn alle seine Voraussetzungen wahr sind! Das war des Pumas Kern.

Der Weg von Forbes & Pike zum Chonos Archipel in der deutschen Version erscheint mir unproblematisch und nicht unglaubhaft. Wenn ich in der heutigen Welt der nahezu nahtlosen Kontrolle und Überwachung sehe, welche ehrwürdigen mitteleuropäischen Länder, welche Behörden und welche Firmen laut Transparency International gleichwohl in diesem oder jenem Mass als korrupt gelten, so habe ich keine Zweifel daran, dass vor 150 Jahren Salvador Pedro Caramba, der rechtschaffene Kapitän eines Salpeterschiffs, ein klein bisschen gutes Geld in sein Patschhändchen genommen hat, um eine kleine Verzögerung seiner Schiffsroute in Kauf zu nehmen, in deren Verlauf er Forbes & Pike und Konsorten mit ihrem Fangboot 3-5 km vor der Insel mit dem Bootsrumpf voraus naserümpfend ausboote.

loe



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07.04.2019 17:35
#504 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Drehorte: Australien und Neuseeland

Von diesem schönen Brauch mit den Fleisskärtchen habe ich noch nie gehört. Bei uns gab es neben den Schulnoten bloss noch eine Bewertung des Fleisses und des Betragens. Heutige Kinder erhalten zum Teil bis zu zehn weitere Bewertungen (Sozialkompetenz, geschlechtergerechter Sprachgebrauch usw.).
Bald werden 7-jährige Kinder zwei Noten Abzug erhalten, weil sie "Faktor mal Faktor" und "Summand plus Summand" geschrieben haben
statt "der/die Faktor*in mal der/die Faktor*in" und "der/die Summand*in plus der/die Summand*in".

Penelope wieviel? Ich kenne nur die Penelope Betteredge aus Wilkie Collins' "Der Monddiamant", also die Tochter des grossartigen Gabriel Betteredge.
Im Zweiteiler von 1973 sehr gut gespielt von Jutta Kammann. Der Schauspieler, der darin den Godfrey Ablewhite gespielt hat, Helmut Föhrnbacher, leitet heute in einem Schweizer Bahnhofsgebäude ein Theater und steht nach wie vor auf der Bühne.

Wenn ich lese, wo Du schon überall gewesen bist. Habe weder Neuseeland noch Australien noch Tasmanien je gesehen.
Aber dafür habe ich dank der Wiederentdeckung der Serie "Die Überlebenden der Mary Jane" das australische Port Macquarie in 13 Teilen auf 2 DVDs gesehen!
Eine deutsch-englisch-australische Zusammenarbeit von 1974, ein wunderbarer Film: 325 Minuten!
Fünfeinhalb Sternstunden der TV-Geschichte! Nicht nur für unser Thema hier!

In diesem "Castaway" spielt der aussergewöhnliche Fred Haltiner mit. Schwer beeindruckend! Meine Frau war sogar hingerissen. Haltiner hat sich nach den Dreharbeiten das Leben genommen, noch ehe die Serie erschien.
Er spielte 1973 auch an der Seite im WDR-Dreiteiler "Der rote Schal", ebenfalls von Wilkie Collins, an der Seite von Ellen Schwiers.
Fred Haltiner war zweimal zusammen mit unserem Forbes, Werner Pochath, in demselben Film zu sehen; nämlich im "Kommissar",
in den Folgen "Ratten der Grossstadt" sowie "Parkplatz-Hyänen".

Darum mit meinen besten DVD-Empfehlungen seit Mariposas grosser Empfehlung:

Die geheimnisvolle Insel
Die Überlebenden der Mary Jane
Der Kommissar
Café Wernicke
Die Leute von der Shiloh Ranch
Pat und Patachon
Der Monddiamant
Der rote Schal
Stahlnetz

loe



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08.04.2019 21:21
#505 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

ZWEI JAHRE FERIEN (Film: dt. + frz. Version; und Buch von Jules Verne)

Der bekannte Unbekannte und ein neues Rätsel

Heute, den 8. April 2019, vor genau 100 Jahren, drei Monaten und zwei Tagen, nämlich am 6. Januar 1919, wurde Dan Nasta geboren.

Wir feiern in diesem Jahr den 100. Geburtstag von D a n N a s t a !

Wie? Was? Sie wissen nicht, wer Dan Nasta war?

Dann stehen Sie in die Ecke, gehen Sie in sich und tun Sie Busse!

Dan Nasta war der Unbekannte oder das Phantom der Schatzinsel in ZWEI JAHRE FERIEN, also der "Inselgenosse", der den Jungen geholfen hat, genauer: der sie gerettet hat. Die Franzosen nennen ihn den "Überlebenden" oder den "Schiffbrüchigen" der Insel.

Dan Constantin Nasta-Popescu (auch umgekehrt) wurde am 6. Januar 1919 in Bukarest geboren. Er starb am 15. September 2015 im Alter von 96 Jahren in Bukarest, also erst vor dreieinhalb Jahren!

Jetzt können wir unsere Gläser absetzen, welch selbige wir soeben zu Ehren Dan Nastas erhoben haben, um damit ein gutes Gesöff in uns zu schütten,
z.B. Branntwein (*).

Nach dem Militärgymnasium schrieb Dan Nasta sich am Konservatorium ein, später an der Fakultät für Literatur und Philosophie, auch an der Juristischen Fakultät, zuletzt am Konservatorium für dramatische Kunst.
Er wurde ein bekannter Theaterschauspieler.
Unter vielen Rollen auf der Bühne stellte er den "Egmont" von Goethe dar sowie "Hamlet" und "Richard III." von Shakespeare, also Hauptrollen.
Mit Dekret Nr. 514 vom 18. August 1964 des Staatsrats der Volksrepublik Rumänien wurde Dan Nasta ein Titel für "verdiente Künstler der Volksrepublik Rumänien" verliehen, und zwar auf den Gebieten Theater, Musik, Kunst und Film.

Dan Nasta und Christian Sofron (Service) wirkten zusammen schon Anfang der 1970er Jahre im selben Theaterstück mit.
Dan Nasta war auch Regisseur sowie ein berühmter Kunstsammler auf dem Gebiet der mittelalterlichen und ethnographischen Kunst.

Quellen:
Die Angaben über Dan Nasta sind von der rumänischen Wikipedia sowie weiteren rumänischen Webseiten.


In der rumänischen Film-Version trug Dan Nasta den Namen "Baudoin".
In Jules Vernes Buch ist "Baudoin" der Name jenes Schiffbrüchigen, dessen Gerippe die Jungen später zwischen Baumwurzeln entdecken.
Im Film finden die Jungen das Gerippe des Schiffbrüchigen in seiner wohnlichen Höhle selbst. Nicht zu vergessen:
Im Buch hatte der Hund Phann zuvor schon eine in die Baumrinde geritzte Inschrift entdeckt:
F B
1807
für François Baudoin.

Das Rätsel des toten Schiffbrüchigen, der 53 Jahre vor den Jungen seinen Namen in den Baum geritzt und in der Höhle gelebt hatte, ist für mich das Beste und Reizvollste der ganzen Insel-Geschichte im Buch von Verne.

"Wer war dieser Mann, der hier gestorben war?
War er ein Schiffbrüchiger, dem bis zu seiner letzten Stunde niemand geholfen hatte?
Aus welchem Land kam er?
War er noch jung, als er hierher verschlagen wurde?
War er alt, als er starb?
Wie hatte er für seinen Lebensunterhalt sorgen können?
Hatten andere bei dem Schiffbruch, wenn es einer gewesen war, überlebt?
War er nach dem Tod seiner Schicksalsgefährten allein geblieben?
Stammten die verschiedenen in der Höhle gefundenen Gegenstände von seinem Schiff, oder hatte er sie selbst hergestellt?
So viele Fragen, auf welche die Antwort vielleicht nie zu finden war."(1)

"Mehr denn je wurde den Jungen der Ernst ihrer Lage klar. Wie sollte ihnen gelingen, was ein Seemann, der harte Arbeit und grosse Strapazen gewöhnt war, nicht geschafft hatte!"(2)

(1) Zitiert nach der Diogenes Ausgabe von "Zwei Jahre Ferien" (Zürich 1973, S. 111 f.)
(2) Ebenda, S. 116.


Wäre Jules Verne ein verdammt guter Schriftsteller gewesen,
so hätte er dieses Geheimnis um den toten Schiffbrüchigen und sein Tagebuch
verknüpft sowohl mit dem Schicksal der Jungen auf der Insel
wie auch mit interessanten psychologischen Entwicklungen in der Gruppe der Jugendlichen!

Aber stattdessen ging das Buch von da an nur noch bergab.

Zur Erinnerung:
Im Buch gibt es nur einen toten Schiffbrüchigen: das Gerippe.
Im Film haben wir einen gerippten und einen lebenden Schiffbrüchigen.

Diese Figur, die Dan Nasta in ZWEI JAHRE FERIEN spielt, scheint im Dunkeln zu liegen.

Ist die Figur, dank der Dan Nasta für uns unsterblich wurde, irgendeinem Roman von Jules Verne entnommen?
Gibt es eine Verne-Kennerin oder sonst eine belesene Person, die eine Idee hat?

Ein Mann, der zusammen mit einem Freund (Jim) schiffbrüchig auf eine Schatzinsel gerät, eine Zeitlang halbwegs gut lebt, bis sie den Schatz entdecken.
Im Wahn des Goldes tötet er seinen Freund (das uns bekannte Gerippe in der Höhle).

Woher könnte Drehbuchautor Claude Desailly die Idee gehabt haben?

Diese überraschende Frage lässt uns vielleicht an etwas denken:

In ZWEI JAHRE FERIEN kann es mehr als bloss literarische Vorlagen und Anleihen geben, ja es muss vielleicht mehr als das geben.

Jene, die Mitte der 1970er Jahre Mädchen waren, mögen es mir verzeihen, dass ich damals nicht für die Hauptdarsteller schwärmte, sondern vom Inselphantom beeindruckt war. Hoffe, damit war ich nicht allein(**). Auch wenn ich heute dank der frz. Version weiss, dass er kein Heiliger(***) war.

(*) Branntwein subst masc.
Allgemeine Bezeichnung für alkoholische Getränke, die bei Abstinenzlern Wahnsinn hervorrufen.

(**) Allein subst. neutr.
In schlechter Gesellschaft.

(***) Heiliger subst. masc.
Ein toter Sünder, überarbeitet und neu herausgegeben.

Ambrose Bierce: Aus dem Wörterbuch des Teufels (1911). Frankfurt a.M. 1966.

Mariposa



Beiträge: 841

10.04.2019 21:57
#506 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Wow ... wow ... wow ... da hast Du ja wieder jede Menge Interessantes und Unbekanntes ausgegraben, lieber Loe-Leo. Kompliment.

Diejenigen, die damals Mädchen waren sind im hier und jetzt der Meinung, dass der Doniphan der Siebziger Jahre sich inzwischen selbst zum Phantom entwickelt hat. Auch optisch hat er sich angenähert.

Übrigens hat er einen Abenteuerroman illustriert. Das passt ja auch.

In den nächsten Tagen werde ich mich den frühkindlichen Rollen seines Brüderchens zuwenden. Bleibt ja in der Familie.

Avec les meilleurs souvenirs ...
MARIPOSA

loe



Beiträge: 61

12.04.2019 20:06
#507 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

ZWEI JAHRE FERIEN (Film)

Danke Dir, liebe Mariposa, für Deine guten Worte.

Wahrscheinlich hatte Doniphan genug vom Bild des Mädchenschwarms. Vielleicht hat er ja richtig nachgeholfen, dem Phantom immer ähnlicher zu werden, nämlich um sich endlich davon zu befreien, was die Mädchen immer und immer wieder in ihm sehen wollten. Vermutlich ist er heute glücklicher, als er je war.

Wenn ich heute die Fotoalben meiner Kindheit oder jene Fotos ansehe, als wir so alt waren wie die Schauspieler in ZWEI JAHRE FERIEN, dann denke ich an das, was Sandokan in "The return of Sandokan" am Schluss gesagt hat, nämlich dass das Beste erst noch komme.
Und so, durch Trost und Nostalgie gestärkt und erfrischt, packt mich wieder der Mut und der Schwung des Lebens (l'élan vital).

Als ich acht, neun und zehn Jahre alt war, gross und blondgelockt, entsprach Gary Cooper meinem Selbstbild, unbescheiden wie ich war. Aber erst drei oder vier Jahre später begriff ich, dass ein kleines, gedrungenes Hutzelmännchen, ein Rumäne namens Emanuel Goldenberg, zu einem so unglaublichen Spiel in seinem Gesicht fähig war, im Vergleich dazu ganz Hollywood nichts anderes war als eine Hühnerfarm, mit Ausnahme eben dieses Giganten: Edward G. Robinson. Und die Gegenwart zeigt, dass diese Erkenntnis "triftiger" ist denn je!

Aber Du hast recht, Mariposa: Wir müssen hier an die Mädchen denken, die ja immer noch in vielen der heutigen Frauen schlummern und lodern! Ich lodere ja auch noch für Katharine Hepburn und Anneliese Uhlig!

loe



Beiträge: 61

13.04.2019 18:36
#508 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

ZWEI JAHRE FERIEN (Film, deutsche und französische Version)

Phantom und Gerippe: das Rätsel um die zwei Schiffbrüchigen auf der Schatzinsel
1. Teil


Am 8.4.2019 (#505) fragten wir, woher die Film-Idee von diesen zwei erwachsenen Schiffbrüchigen auf der Insel stammt, welche schon vor der Ankunft der Jungen auf der Insel waren:

E i n Schiffbrüchiger, der noch lebt: das Phantom (gespielt vom Rumänen Dan Nasta),
und e i n Schiffbrüchiger, der tot ist: das Gerippe in der Höhle (gespielt vom Skelett aus der Praxis von Dr. Sommer).

Zudem wissen wir dank der französischen Version, dass es eine Beziehung, ja sogar eine Freundschaft zwischen dem Phantom und dem Gerippe...äh...dem Gestorbenen gegeben hat (siehe hierzu in diesem Forum "Die französische Version", 31.3.2010 (#3)).

Diese Idee ist ganz anders als das Buch von Jules Verne (darin gibt es ja bloss einen toten Schiffbrüchigen). Und diese Idee nahm der französische Drehbuchautor von ZWEI JAHRE FERIEN nicht aus der Literatur, sondern aus der Historie!
Wir suchen nach einer historisch belegten Situation von zwei Schiffbrüchigen auf einer Schatzinsel mit Bezug zum "Gold Perus", zum gewaltigen "Lima-Schatz":
Einer der Schiffbrüchigen überlebt, aber unter dem Verdacht, er habe den Tod seines Schicksalsgefährten verschuldet!


In Peru und ganz Südamerika ist um 1821 der Teufel los. Widerstand, Aufstand der Einheimischen gegen die spanische Herrschaft. Die reichste Stadt Südamerikas ist Lima, die Hauptstadt Perus. Dort lagert nicht bloss das sagenhafte Inka-Gold, sondern auch viele Tonnen Gold, Silber, Edelsteine und goldene, mit Edelsteinen besetzte Kunstgegenstände, nämlich der peruanische Kirchenschatz, auch "Lima-Schatz" genannt.
Und genau diese Tonnen des Kirchenschatzes lässt der spanische Vizekönig (José de la Cerna) aus Angst vor den heranrückenden Aufständischen in ein Fort bringen, das die Hafeneinfahrt von Callao sichert. Mit Schiffen wollen die Spanier aufs Meer fliehen. Aber: Kein einziges spanisches Schiff ist im Hafen von Callao!
Bloss zufällig liegt da die englische Zweimastbrigg MARY DEAR. Ihr schottischer Kapitän, William Thompson, gilt bei den Spaniern als zuverlässiger Seemann und vertrauenswürdiger Handelsmann. Der ganze peruanische Kirchenschatz wird jetzt auf die MARY DEAR gebracht. Dies dauert zwei Tage! Die Reise soll nach Panama gehen, von wo aus die Schätze nach Spanien verschifft werden sollen. Aber kaum ist die MARY DEAR auf offener See, wird der Erste Offizier, ein Mann namens Forbes, zum Anstifter von Meuterei und Mord. Er bewegt die Mannschaft von Kapitän Thompson dazu, die Handvoll spanischer Soldaten und die drei bis vier Kirchenmänner allesamt zu ermorden und über Bord zu werfen. Die Leichen findet man später an der peruanischen Küste. Kapitän Thompson hat davon nichts mitbekommen, weil er in seiner Kajüte die Eigenschaften verschiedener schottischer Weinbrände untersucht. Schnell ernüchtert segelt Thompson die MARY DEAR zur unbesiedelten Kokos-Insel, die damals nur wenige Seeleute kennen. In der Chatham-Bucht entlädt man den Lima-Kirchenschatz in 10 oder 11 Bootsladungen auf die Insel.

Das Original der Inventarliste liegt heute im Museum von Caracas (Venezuela). Hier nur das Wichtigste in geraffter Form:

12 grosse, gefüllte Truhen:
goldene Kunstgegenstände, Smaragde, Topase, Rubine, 31 Diamanten, 4000 spanische Golddublonen, 5000 mexikanische Kronen, 8 zedernhölzerne Koffer voll Silberbarren, 22 goldene und silberne Leuchter, 3840 geschliffene und 4265 ungeschliffene Edelsteine;
eine lebensgrosse, edelsteinbesetzte Statue der Jungfrau Maria mit dem Jesukind, gefertigt aus purem Gold und mit einem Gewicht von 400 kg.
Diese Statue enthält 1684 Edelsteine, davon 3 Smaragde von Hühnereigrösse (10 cm) an der Brust, 6 Topase von Hühnereigrösse (15 cm) an der Krone und 7 Kreuze aus Diamanten.

Alles in allem beträgt der heutige Wert zwischen 500 Millionen und 1 Milliarde Dollar. Dies für jene von uns, denen jetzt das Wasser im Mund zusammenläuft und die schon flotte Reisepläne schmieden.
:-p~~~~~~

Ein jeder von uns möge bedenken, welch goldigen Satz der arme Bischof von Lima, als er von Forbes über Bord geworfen wurde, diesem an den Kopf war: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt." (Markus-Evangelium 10,17-30)

Der weltberühmte Meeresforscher Jacques Cousteau sagte: "Von allen Inseln der Welt, die ich besucht habe, ist die Kokosinsel die schönste." Das ist ein guter Reisegrund.

Als nun aber die MARY DEAR wenige Tage später die Kokos-Insel verlässt, wird sie von spanischen Kriegsschiffen entdeckt und gestellt. Die Mannschaft wird in Panama aufgehängt, nur Kapitän Thompson und den Ersten Offizier, Forbes, verschont man, wenn sie auf der Kokos-Insel die Spanier zum Versteck des Schatzes führen. Ein guter Handel.
Als nun die Spanier mit Thompson und Forbes auf der Kokos-Insel ankommen, gelingt den beiden mit einem Trick die Flucht: Sie führen die Spanier in ein falsches Höhlenversteck und entkommen in den Urwald. Dort harren sie im dicht wuchernden Pflanzenwirrwarr des ohnehin extrem schwierigen Geländes so lange aus, bis die spanischen Verfolger nach mehreren Tagen Suche entnervt und fluchend aufgeben (einschliesslich der von Dornen und Stacheln gepiesackten Hunde). Die Spanier verlassen geknickt, gepiekst und pikiert die Insel. "Adios, du schönes Fleckchen Erde!" rufen sie schluchzend. Thompson und Forbes bleiben selbander (zu zweit) auf der Kokos-Insel zurück.

Monate später kommt ein englisches Walfängerschiff zur Kokos-Insel, um seine Fässer mit Süsswasser aufzufüllen. Sie treffen die abgemagerten Thompson und Forbes, die sich als Schiffbrüchige ausgeben. Sie hatten von Vogeleiern, Kleinwild und Fisch gelebt.
<°++++<
>)))))°>
Thompson und Forbes gelangen mit dem Schiff nach Puntarena.

Dies ist die Vorgeschichte und der wichtige Hintergrund des Ganzen.
Nicht nur, weil das Intro der deutschen Film-Version davon Gebrauch macht: Thompson, MARY DEAR, José de la Cerna (als Guerillaanführer statt als Vizekönig).
Vielmehr versteht sich erst von hier das, was wir suchen.

Thompson und Forbes sind beide lebend von der Kokos-Insel wiedergekehrt, die heute noch unbesiedelt ist. Wir aber suchen nach einer historisch belegten Situation von zwei Schiffbrüchigen mit Insel und peruanischem Schatz, wo bloss einer der Schiffbrüchigen überlebt, und dies unter dem Verdacht, er habe den Tod seines Schicksalsgenossen herbeigeführt, milder gesagt: verschuldet. Und genau diese Situation entspringt bei unserem jetzt gut bekannten Kapitän Thompson!

Die Auflösung des Rätsels beim nächsten Mal in Teil 2.

Quellenangabe:
Alles hier zu den Ereignissen um den peruanischen Kirchenschatz ist eine Paraphrase, also eine nicht wortwörtliche, aber stark angelehnte, sinngetreue und gekürzte Wiedergabe von drei Seiten im Buch von Serrano, mit Ergänzungen von cocostresor, aqvisions und drei kleinen, unbedeutenden Ausschmückungen von mir.
Vgl.:
Nicolas Serrano: Piratenschätzen auf der Spur. Indizien, Fakten und Legenden. Stuttgart 2000, S. 91-93. (Buch in meinem Besitz)
h t t p://w w w.cocostresors.com/letresor.htm
h t t p://aqvisions.com/news/loot-of-lima-treasure-story-part-one

loe



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16.04.2019 14:23
#509 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

Am 4. März 2017 hatte Mariposa einen französischen Youtube-Link zu einer Mini-Dokumentation über ZWEI JAHRE FERIEN in ihren Text gesetzt.
(Danke, habe dies erst jetzt gesehen.) Zu finden ist dies auf Seite 28 dieses Fadens.

Für all diejenigen, die gerne gewusst hätten, was Marc di Napoli (Doniphan) in dieser Dokumentation sagt, folgt hier der deutsche Text:

Marc di Napoli:

1. Erinnerung

Die SLOUGHI, die ein wesentlicher Teil des Films war, war kein richtiges Schiff, war kein richtiger Schoner, das heisst:
Das war in Wirklichkeit auf einer Nussschale, das war rein inszeniert, um diesen schönen Schein zu vermitteln.
Aber an einem Tag sind wir für die Sturmaufnahmen wirklich raus und sind bei Sturm auf dem Deck rumgekrochen. Und da waren wir nicht wenig stolz.

2. Erinnerung

Ich erinnere mich an den Tag, wo ich von den Flammen des Feuers eingeschlossen wurde, wo Briand und ein weiterer Kamerad mich bewusstlos fanden.
Das Feuer wurde wirklich gefährlich. Die Sicherheitsleute hatten nicht vorausgesehen, dass der Wind so schnell drehen könnte. Ich fühlte mich ein bisschen eingekreist. Ich wusste nicht mehr, wo ich war. Und so habe ich mich ein bisschen "erhitzt".

Dieses "erhitzt" hat Marc di Napoli mit einem Lächeln doppeldeutig gemeint: "durchs Feuer" und "enerviert"!

loe



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16.04.2019 16:04
#510 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern antworten

ZWEI JAHRE FERIEN (Film, deutsche und französische Version)

Phantom und Gerippe: das Rätsel um die zwei Schiffbrüchigen auf der Schatzinsel, 2. Teil

Am 13.4.2019 hatten wir in Teil 1 begonnen, die Frage zu beantworten:

Woher stammt die Film-Idee von diesen zwei erwachsenen Schiffbrüchigen auf der Insel, welche schon vor der Ankunft der Jungen dort waren?
Das P h a n t o m, das den Jungen hilft, sie rettet; und das G e r i p p e in der Höhle.
Dabei geht es auch um die Enthüllung, dass der erste den zweiten ermordet hat.
Gezeigt werden soll:
Diese Film-Idee nahm der Drehbuchautor von ZWEI JAHRE FERIEN (Claude Desailly) aus der H i s t o r i e, nicht aber aus der Literatur!


Wir hatten im 1. Teil gesehen:
Nach unfassbaren Abenteuern um den gewaltigen "Schatz von Lima" im Jahre 1822 kehren Kapitän Thompson und sein (erster) Maat Forbes von der Kokos-Insel zurück, dank eines Walfangschiffs, das sie an Bord nimmt und nach Puntarenas bringt. Ausser ein paar versteckten Goldmünzen haben sie bewusst nichts vom Schatz mitgenommen, um an Bord keinen Verdacht zu wecken. Thompson und Forbes sind die einzigen Überlebenden der MARY DEAR und damit die einzigen, welche die genaue Lage des Lima-Schatzes auf der Kokos-Insel kennen. Forbes stirbt aber noch in Puntarenas an Gelbfieber. Thompson geht nach Kanada.

Wir aber suchen nach einer historisch belegten Situation von zwei Schiffbrüchigen mit Insel und peruanischem Schatz, wo bloss einer der Schiffbrüchigen überlebt, und dies unter dem Verdacht, er habe den Tod seines Schicksalsgenossen herbeigeführt.

1842, also 21 Jahre nach den grossen Ereignissen um den "Schatz von Lima", fährt ein Schiff nach Neufundland, eine Provinz von Kanada. Auf dem Schiff ist der Seemann John Keating. Ihm fällt ein alter Mann an Deck auf, eine stattlich-schöne Erscheinung, ein Mann, den eine mysteriöse Aura umgibt wie jemand, der im Leben vieles erlebt hat. Dieser Mann ist alt, krank, allein, nahezu mittellos, aber sehr würdevoll. John Keating ist bewegt von der Traurigkeit, die dieser Alte ausstrahlt. Zudem erkennt er in dem Mann einen echten Seewolf. Keating nimmt den Alten bei sich auf und kümmert sich um ihn. Aber der Alte ist am Ende. In einer Nacht, als er den Tod nahe fühlt, ruft er seinen Wohltäter und vertraut sich ihm an. Er sei William Thompson, der ehemalige Kapitän der MARY DEAR. Dieser Gentleman ist der, der den Spaniern den sagenhaften Lima-Schatz entrissen hat! Der Letzte, der noch das Versteck des Lima-Schatzes kennt. Thompson gibt seinem Gastgeber das Geheimnis vom Schatz preis. Mit zitternder Hand zeichnet er einen Plan, kritzelt Koordinaten. Er bittet Keating, unbedingt eine Expedition zur Kokos-Insel zu unternehmen. In den Monaten, die folgen, stirbt der alte William Thompson.

John Keating ist Seemann, Fischer und Zimmermann. Er hat nicht die Mittel, um eine Expedition auf die Kokos-Insel zu finanzieren. Doch ihm gelingt, was dem alten Kapitän Thompson im Leben nicht mehr gelungen ist: Er findet einen Geldgeber, der ihm vertraut, einen gewissen Boag (oder Brogue oder Boeck).
Ein Schiff wird ausgerüstet, die Brigantine EDGECOMB unter dem Kommando von Kapitän Gault. Nach Umrundung von Kap Hoorn und nach einer Reisedauer von 176 Tagen geht das Schiff in der Chatham Bay der Kokos-Insel vor Anker. Am nächsten Tag rudern Keating und Boag frühmorgens allein mit dem Beiboot zur Insel. Sie befolgen die Angaben in den Plänen von Thompson, die sich als sehr genau herausstellen. Und so finden sie den peruanischen Kirchenschatz, den "Schatz von Lima". Die beiden Männer tanzen um das Gold.
Dann aber versuchen sie, den Rausch in sich abklingen zu lassen, denn niemand an Bord soll von dem Geheimnis erfahren. Sie tarnen die Öffnung des Verstecks. Als Keating und Boag zur EDGECOMB zurückkehren, können sie ihre Aufgeregtheit und Hochstimmung vor der Besatzung nicht verbergen, so sehr sie sich auch darum bemühen. Ihre Hände zittern vom Anblick dessen, was sie gesehen haben.
Da auf der Kokos-Insel eben nicht nur der gewaltige peruanische Kirchenschatz ruht, sondern auch andere saftige Piratenschätze liegen sollen (Edward Davis, Henry Morgan, Benito Bonito), ist das Gold der Kokos-Insel mittlerweile Gesprächsstoff in den Hafenkneipen. Und seitdem ein Historiker 1835 in einem Archiv die unglaubliche und detaillierte Inventarliste des peruanischen Kirchenschatzes gefunden hat (siehe 1.Teil), ist die Sache um diesen sagenhaften Lima-Schatz und die MARY DEAR wieder hochgespült worden.
In der Nacht werden Keating und Boag von den argwöhnischen Seeleuten belauscht, als sie beratschlagen, wie sie die schweren Truhen auf das Schiff bringen könnten. Kapitän Gault und die Besatzung drohen ihnen mit dem Tod, wenn sie den Schatz nicht teilen wollen. Jetzt ist die ganze Mannschaft in Hochstimmung. Sie schliessen Keating und Boag in ihrer Kajüte ein und beginnen ein nächtliches Rumbesäufnis. Nachdem die Rufe der Betrunkenen sich gelegt haben, gelingt es Keating und Boag, mit dem Beiboot zur Insel zu rudern. Genauso wie Kapitän Thompson und Forbes 25 Jahre zuvor verstecken sie sich im Dickicht des unwegsamen Geländes, und später, im Morgengrauen, im dichtesten Urwald der Insel. Über eine Woche lang harren sie aus, bis die Besatzung der EDGECOMB die Suche nach ihnen aufgibt. Als Keating und Boag das Schiff am Horizont verschwinden sehen, tanzen sie zusammen vor Freude. (Die EDGECOMB und ihre Mannschaft ist bis heute verschollen. Sie soll in einem Sturm gesunken sein.) Noch am gleichen Abend gelingt es ihnen, ein kleines verwildertes Schwein zu erlegen. Am Feuer sitzen nicht bloss zwei Schatz-Teilhaber, sondern zwei Brüder.

Die Wochen vergehen monoton. Die Regenzeit hat begonnen. Der unaufhörliche Regen der Kokos-Insel. So nervtötend wie die andauernd attackierenden Ameisen. Die einzige Abwechslung sind die Besuche beim Schatz. Keating und Boag nutzen die Zeit, um Teile des Schatzes in ein besseres Versteck zu bringen, in eine nur schwer erreichbare Grotte. Die vulkanisch zerklüftete Kokos-Insel ist voll von unzähligen Grotten und Höhlen.
Jetzt wird es spannend im Blick auf unsere Frage zu ZWEI JAHRE FERIEN. Wir kommen zu der Situation, die wir gesucht haben. Als nämlich ein Walfangschiff die Kokos-Insel für Trinkwasser anläuft, lebt nur noch John Keating. Wir erinnern uns an die letzten Worte des Phantoms in der frz. Version:

DONIPHAN: Aber wer sind Sie denn nun?
PHANTOM: Ein Schiffbrüchiger wie ihr. Ein Wahnsinniger. Ich bin ein Wahnsinniger. Dieser Schatz. Hört mir zu. Jemand muss von dem Schatz wissen, um zu verhindern, dass er geteilt wird. Deshalb habe ich sogar meinen besten Freund grausam erschlagen.
SERVICE: Das Gerippe [in der Höhle]? Das war also Ihr Freund?
PHANTOM: Jim. Ah, Jim! Das war einer! Wir hingen immer zusammen, seit Jahren. Jim und ich. Und man musste diesen Schatz finden. Dieser verfluchte Schatz!

Im Angesicht des Todes gesteht das Phantom den Jungen die Wahrheit (nur in der frz. Version). Über die Wahrheit des wirklichen John Keating gibt es zwei Versionen:

Version 1
Keating hat Boag ermordet. Im Oktober 1929 will der belgische Schiffsmechaniker Petrus Bergmans in einer Höhle der Kokos-Insel ein Gerippe gefunden haben. (Nach einer Version soll er sogar Gründe zur Annahme gehabt haben, dass dies einst Boag gewesen war.)
Tatsächlich hatte man John Keating nach der Rückkehr von der Insel vor Gericht gestellt und des Mordes an seinem Teilhaber und Schicksalsgenossen Boag angeklagt. Aus Mangel an Beweisen liess man ihn frei.

Als die Retter des Walfangschiffs Keating fanden, war er körperlich und seelisch am Ende. Sein Bericht ist:

Version 2
Boag sei beim gemeinsamen Versuch auf einem selbstgebauten Floss, das gekentert sei, mit schwerem Gold in seinen Jackentaschen in die Tiefe gezogen worden und ertrunken. Keating, ein starker Schwimmer, habe sich an einem Wrackteil festhalten und retten können. Nach einer Unterversion hat sich dies auf einem Fluss auf der Kokos-Insel abgespielt. Nach einer anderen Unterversion hat sich dies auf dem Meer abgespielt.

Damit ist das Rätsel gelöst, woher Claude Desailly, der Drehbuchautor von ZWEI JAHRE FERIEN, diese Idee von zwei Schiffbrüchigen, einem Überlebenden und einem Gerippe, genommen hat. Es gibt keine Romanvorlage.

In ein paar Wochen geht es in einem kleinen Nachtrag um drei Dinge:

(1) um Belege dafür, dass Keating den Schatz gefunden hat.

(2) um ein Drama, das sich im Dezember 1962 vor der Kokos-Insel abgespielt hat; zwei Franzosen starben, einer überlebte: der Höhlenforscher, Abenteurer und Schatzsucher Robert Vergnes. Wir fragen, ob Claude Desailly, der Drehbuchautor von ZWEI JAHRE FERIEN, auch etwas von dieser wahren Geschichte in den Film hat einfliessen lassen. Robert Vergnes erstes Buch über die Kokos-Insel, "Mystère aux Iles Cocos", erschien 1967, also just kurz bevor Desailly sich an das Drehbuch von ZWEI JAHRE FERIEN machte.
Robert Vergnes überlebte zwei Monate allein auf der Kokos-Insel und kehrte später noch dreimal zur Insel zurück! Dieser Besessene hat wohl die bedeutendste Dokumentation über die Insel angelegt, die es gibt.

(3) um die Möglichkeit, dass nicht nur Kapitän Thompson ein Erbe hinterlassen hat, sondern auch sein Erster Maat Forbes, der Kopf der Meuterei und des Mordes!
Elaine hatte schon am 29.12.2017 darauf hingewiesen: In der ZDF-Sendung Terra-X vom 17.12.2017 ist von zwei Forbes die Rede gewesen. Wir erwägen, ob das ZDF ein paar amerikanischen Wichtigtuern auf den kokosfettigen Leim gekrochen ist.

Über die Kokos-Insel gibt es viele Berichte und genug Dokumentarfilme. Einen Reiz, dorthin zu reisen, verspüre ich nicht. Aber über die Original-Drehorte von ZWEI JAHRE FERIEN in Rumänien gibt es auf der ganzen Welt nur einen einzigen originalen Reisebericht: den von Elaine! Exklusiv in diesem Forum! Er beginnt am 29.12.2017, das ist in diesem Faden auf Seite 30. Dort wo Elaine war, da wäre ich gerne hingereist.

Allen wünsche ich gute Festtage und viel Glück bei der Schatzsuche auf der Osterinsel.

Quellenangabe:
Das hier Dargestellte ist eine von mir übersetzte, paraphrasierte und gekürzte Wiedergabe von neun Seiten im Buch von Robert Vergnes sowie eine paraphrasierte und gekürzte Wiedergabe von drei Seiten im Buch von Nicolas Serrano.
Vgl.:
Robert Vergnes: La dernière île au trésor (1978), Paris 2014, S. 67-75. (Buch in meinem Besitz).
Nicolas Serrano: Piratenschätzen auf der Spur. Indizien, Fakten und Legenden. Stuttgart 2000, S. 93-95. (Buch in meinem Besitz)

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