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 Adventsvierteiler und Weihnachtsserien - Vom Seewolf zu Anna
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loe



Beiträge: 90

05.05.2019 21:11
#526 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

Ja, es stimmt, was Du sagst, liebe Mariposa. Diese frühe Seewolf-Verfilmung mit Edward G. Robinson in der Hauptrolle ist misslungen.
Und gerade mein Lieblingsschauspieler ist in dieser Hauptrolle eine Fehlbesetzung.
Wie Du sagst: kein Vergleich zu "unserer" Seewolf-Verfilmung von 1971.

Aber die folgenden sechs Filme mit Edward G. Robinson gehören zum Gewaltigsten, was Menschen jemals auf Zelluloid gebannt haben:

Das Doppelleben des Dr. Clitterhouse (1938)
Paul Ehrlich - ein Leben für die Forschung (1940)
The Woman in the Window (1944)
Double Indemnity (1944)
Die Nacht hat tausend Augen (1948)
Tod eines Bürgers (1970)

Danke für Deine Anregungen zum Anlegen eines Avatars. Werde darüber nachdenken.

Ob es vielleicht mehrere Phanns gegeben hat? Beim Barte meines Rauhaardackels, daran habe ich gar nicht gedacht. Ich glaubte fest, es sei immer derselbe Hund. Aber da die Dreharbeiten ja in zwei Blöcken erfolgten (Oktober bis Dezember 1971 und dann Mai bis Oktober 1973), also mit einer Drehpause von fast zwei Jahren (!), ist es gut möglich, dass der Phann von 1971 nicht mehr der Phann von 1973 ist.

Service war als Hundeführer und Hundeflüsterer wahrscheinlich zu nett und zu lieb. Kein Wunder, dass er dem Hund hinterherstolperte.

"Allegra" kommt uns nicht bloss spanisch vor, sondern ist im Schweizer Kanton Graubünden der normale Gruss.

Vor etwa zehn Jahren sassen meine Frau und ich in einem Taxi von Auray nach Quiberon, um dort wie üblich das Schiff nach Belle-Ile zu nehmen.
Ich unterhielt mich rege mit dem Taxifahrer. Als wir in Quiberon ausstiegen, stellte sich heraus, dass er mich wirklich für einen Franzosen gehalten hatte und nicht glauben wollte, dass meine Muttersprache Deutsch ist. Aber hierzu ist es wichtig, dass man sich in Frankreich einfach und nicht geschwollen ausdrückt. In Frankreich ist es eben so, dass man sich nicht durch eine gestelzte Sprache von den Arbeitern abheben will (also so, wie es vor allem in England viele tun). Wenn man also z.B. im Taxi in affektierter Weise daherredet und hochtrabend mit Formen des Subjonctive II um sich wirft, wird man gleich als affiger ausländischer Lackaffe erkannt.

Zu Beatrice Cardon und Corinne Armand habe ich mal im grössten digitalen Archiv gesucht: archive.org , aber leider nichts Brauchbares gefunden.
Dort findest Du alte Filme, die am TV kamen, alte Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, auch alte Computerspiele.
Vor allem findest Du dort Webseiten, die es so im gewöhnlichen Internet eben gar nicht mehr gibt.
Es sind unterdessen etwa 280 Milliarden alte Webseiten, 11 Millionen Bücher und andere Texte, 4 Millionen Audio-Aufnahmen (davon 160'000 Konzerte), 3 Millionen Videos, 1 Million Bilder und 100'000 Computerprogramme gespeichert.

Vielleicht würde Stephane di Napoli, wenn er einen sehr netten Brief von Dir erhielte und hierauf Rücksprache mit Corinne Armand nähme, Dir die Kontaktadresse von Corinne Armand nennen. Vor dem Massen-Internet-Zeitalter hätte er das sicherlich getan. Aber mit den heutigen Gefahren, dass jeder irgendetwas ins Internet stellen kann, ist das alles sehr fraglich.

Was? Du ziehst demnächst wieder in die Ferne? Und nächtigst in Bälde schon in Deinem Marseiller Schloss? Gute Reise und dass Dir das Glück hold sei, Du gute Weltenreisende!

Mariposa



Beiträge: 861

12.05.2019 12:30
#527 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

Kaum angeregt, schon in die Tat umgesetzt. Danke schön! Na ja, Du hättest auch Phann nehmen können . Ein tierischer Gag.

Also bei Top aus der geheimnisvollen Insel (im richtigen Leben Cariño [Zärtlichkeit]) weiß ich, dass es sich während der Serie (trotz verschiedener Drehorte) um den gleichen Top handelte. Er bekam später noch eine Rolle in einem Film des gleichen Regisseurs, der als perfekte Idylle beginnt und mit Mord und Todschlag endet. Also eher was für Halloween oder Hexennacht. Hier bekommt Ober-Pirat Bob Harvey, diesmal als fürsorglicher Familienvater, die Rechnung für seine Schandtaten aus seinem Vorleben. Der Darsteller des Cyrus Smith (Gérard Tichy) mimt einen Kommissar, der sich mit Hilfe des Hundes an die Aufklärung der Morde macht.

Bei Phann können wir nur spekulieren, wie viele Hunde da wohl mitgewirkt haben. Die rumänischen Tierheime sind voll davon.

Überlege mal, wie viele Pferde in Filmen wie "Der schwarze Hengst" oder "Gefährten" die Titelrolle übernommen haben. Fast für jede Szene ein anderer Vierbeiner.

Also in Graubünden grüßt man sich mit "Allegra" ?!? Graubünden ist doch der Kanton, der in der Kinderzeichnung aus ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAGE mit einem Steinbock als "Krabbeltier" ein Denkmal gesetzt bekam.

Mit Quiberon, Auray und Belle Ile triffst Du mitten in mein Herz. Auray war mein frz. Lieblingsort bevor Grimaud (Var) ihm die Show zu stehlen begann. Die Gegend dort ist Schauplatz von DAS BIEST MUSS STERBEN, einziger Film indem die Geschwister di Napoli zeitgleich mitwirken.

Ich empfinde die Bretonen als sehr gastfreundlich und "offen" gegenüber deutschen Besuchern was ich vom Süden Frankreichs nicht behaupten kann. Da bedarf es sehr, sehr lange um einigermaßen akzeptiert zu werden.

Da ich zu Stéphane keinen Kontakt herstellen kann und auch andere Quellen versagen, scheidet er als "Mittelsmann" für Corinne Armand aus. Ich hoffe auf französische Foren. Irgendwie, irgendwo und irgendwann gibt es vielleicht einmal den Hauch einer Spur.

In diesem Sinne schönes Wochenende et à la prochaine
MARIPOSA

loe



Beiträge: 90

13.05.2019 20:20
#528 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

Top war sehr gut auf der GEHEIMNISVOLLEN INSEL. Wusste aber nicht, dass er so gut war, dass der gleiche Regisseur ihm eine Rolle in einem weiteren Film angeboten hatte, worin er gar an der Seite des deutschen Schauspielers Tichy einen Mordfall löst. Es lebe die deutsch-französische Kollaboration! (Sage das aber bloss nicht einem alten Résistance-Kämpfer, sonst kriegst Du eine Beule und Einreiseverbot in Frankreich!) Hoffentlich hat Top eine um vier Knochen höhere Gage verlangt als in GEHEIMNISVOLLE INSEL.

Willst Du mich veräppeln? Ich soll Überlegungen über Pferdefilme anstellen?
Nun ja (Blick auf die Fingernägel), also offen gesagt: Dabei kämen bloss geistige Pferdeäppel heraus. Habe nie in meinem Leben einen solchen Film gesehen. Habe in den 70ern nur meine Schwester von weitem gesehen, wie sie auf den Bildschirm starrte und mit irrem Blick Viecher anglotzte, die mit irrem Blick sie anglotzten.

Aber: Meine Abneigung gilt nur den Reitpferden. Mit Eseln, Ponys und bretonischen Arbeitspferden stehe ich auf gutem Huf.
Einmal standen wir mit unseren Fahrrädern bei Borthéro (Belle Ile) vor schweren bretonischen Arbeitspferden, die sich hinter einer Umzäunung befanden. Diese Pferde haben keineswegs diese irre flackernden Augen, dieses nervöse Gehabe und dieses hysterische Getue. Eines dieser Pferde stand ganz vorne am Holzzaun, eine Armlänge von mir entfernt, während die anderen viel weiter hinten zusammenstanden.

Was für ein wunderschönes Pferd. Keine Eleganz, dafür unglaublich robust, mit schweren Muskeln. Das Schönste war der vollkommen ruhige, freundliche, gelassene Blick. Nach fünf Minuten schloss das Pferd seine Augen und genoss den aufkommenden Wind, der durch seine blonde Ponyfrisur pfiff. Ich fühlte mich durch das Vertrauen geehrt, weil ich Fremder das Pferd ja hätte berühren können. Das Wetter schlug in wenigen Minuten um. Schwarze Wolken zogen auf, ein Sturm setzte ein, zugleich begann es zu regnen. Das Pferd stand immer noch da. Alle fünf Minuten öffnete es kurz die Augen, um zu sehen, ob ich immer noch dastand. Meine Frau hatte schon den Anorak mit Kapuze an und drängte zum Aufbruch. Sturm und Regen wurden jetzt sehr stark. Auf mein Gesicht und auf jenes des Pferdes klatschten Windböen und Schwaden von Wasser. Das Pferd verzog keine Miene. Es gesellte sich nicht zu seinen Kameraden. Es öffnete einfach alle fünf Minuten seine Augen, um mich kurz anzulächeln und schloss dann mit einem kurzen Augenblinzeln wieder die Lider. So standen Pferd und ich eine gute halbe Stunde Fresse zu Fresse in Sturm und Regen, einen halben Meter voneinander entfernt. Ich wollte mich von dem Pferd einfach nicht abwenden. Wollte nicht "Adieu" sagen. Ich spürte eine starke Verbindung zwischen mir und diesem wunderbaren Pferd. Hätte ich nicht Rücksicht nehmen müssen auf das hysterische Ross mit blauer Kapuze hinter mir, so würden das bretonische Arbeitspferd vor mir und ich selbst noch heute dastehen.

Weisst Du, was "Pferd" auf bretonisch heisst?
marc'h.
Demnach heisst "marc'h di napoli" so viel wie "das Pferd von Neapel".
"Wie bitte?" (oder "Was?") heisst auf Bretonisch "Petra?"
Und laut meinem Büchlein heisst ZWEI JAHRE FERIEN "Daou bloaz vakañsòu".

"Ich freue mich, Sie kennen zu lernen" heisst "Plijet on oc'h ober hoc'h anaoudegezh", wobei man "ober" als "oobär" ausspricht.

O Bär, eine lustige, aber schwierige Sprache. Hab's von Anfang an aufgegeben. Denn die Bretonen sind, wie Du sagst, unglaublich nett, freundlich und auch hilfsbereit.
Nicht wenige der älteren Bretonen können kaum Französisch. Auf Belle Ile haben wir einen alten Mann kennengelernt, Herrn Bertho, über achtzig Jahre alt. Er war sein ganzes Leben lang ein richtiger Schmied gewesen wie seine Vorfahren. Seine Frau half beim Übersetzen. Er lebte mit ihr in einem uralten kleinen, halb verfallenen Haus, wie es nicht einmal in Märchenbüchern gezeichnet ist. Wenn wir manchmal vorbeikamen, da hörten und sahen wir ihn hinter dem Haus in seiner kleinen Werkstatt kloppen und schmieden. Der hat für jedes einzelne Pferd auf der Insel noch Hufeisen auf Mass geschmiedet.

Wir waren ganz vernarrt in diese Insel und sind elfmal in Folge dorthin in die grossen Ferien gefahren, immer in den Wochen vor der Hauptsaison, also im Juni. Wir waren immer an der "wilden Küste" mit den hohen Klippen und fantastischen Felsformen, wo wir uns ein Häuschen gemietet hatten. Was es zwischen diesen Klippen für Perlen gibt, brauche ich Dir nicht zu sagen.

Von Auray kenne ich nur den Bahnhof, die Post und ein Café, wo wir immer die Postkarten geschrieben haben.
Von Quiberon kenne ich nur den Hafen.
Was wir gut kennen, ist Vannes und der Golf von Morbihan sowie die Halbinsel Crozon.
Aber nachdem wir Belle Ile entdeckt hatten …

Was Belle Ile kaputtgemacht hat, ist das französische Fernsehen!
Leute von der Insel haben uns das mit grosser Bestürzung erklärt. Vier Fünftel der Franzosen wussten zuvor gar nicht, was sie da im Atlantik liegen hatten. Dann aber, durch eine bestimmte Sendung, kam es zu einem Boom. Und damit kam die Pest auf die Insel, nämlich Leute, von denen Kapitän Haddock gesagt hätte:
"Banditen, Lumpenpack, Torfköppe, Spülwasser, Schafsnasen, Salatschnecken, Mistkäfer, Rebläuse, Schmeissfliegen."
Auf einmal gab es in Le Palais Immobilienagenturen. O Schreck, o nacktes Grausen. Jeder wollte sich dort ein eigenes Haus bauten. Neubauten wurden massenhaft und in Monatsfrist auf uralte Naturwiesen und Felder gestellt, auf denen zuvor Hasen hoppelten. Niedrige Mietautos mit offenen Motoren sowie Scooters knatterten lärmig und luftverpestend über die Insel, wo man früher stundenlang nur den Wind säuseln hörte, vielleicht unterbrochen durch den Laut eines Esels, einer Kuh oder eines Pferdes. Wir wollten Belle Ile so in Erinnerung behalten, wie wir es aus elf Jahren gekannt haben, darum haben wir gebrochenen Herzens "Adieu" gesagt.

Dein Eintrag bei Stéphan di Napoli ist in exzellentem Französisch verfasst. Hierfür hätte er Dir ein dickes Kompliment machen sollen.

Ja, Graubünden ist der Kanton, wo ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG spielt (der Film, dem Gert Fröbe seine Rolle als "Goldfinger" verdankt).
Am frühen Morgen sagen die Bündner "Guata Morga". Nicht dass Du jetzt denkst "Guata Mala" heisse "Gute Mahlzeit".

Apropos (span.) "mariposa": 1971 oder 1972, in unseren ersten Ferien in den Schweizer Bergen (zuvor nur skandinavisches Meer) waren wir in Graubünden. Bei einer Wanderpause setzten sich drei oder vier Schmetterlinge auf meinen Kopf und einer auf meinen Finger. Und sie blieben. Meine Eltern und Geschwister blieben unbesucht. Ich hielt krampfhaft die Finger auseinander, um dem Schmetterling nicht wehzutun. Da knipste meine Mutter ein Foto.

Südfrankreich ist eine andere Welt, und die Südfranzosen sind so abweisend, wie Du sagst. Glaube, das trifft nicht nur Deutsche.

Deinem "na, ja" entnehme ich, liebe Mariposa, dass Dir mein Avatarchen nicht gefällt. Hast Du ihn denn erkannt? Ist ja eine dumme Frage an eine Fernseh-Kennerin wie Dich.
Für mich war die bessere Hälfte von Hardy & Laurel (in dieser Reihenfolge) einfach der wichtigste Schauspieler meiner Kindheit. Wenn sich alle meine Fernseh-Erinnerungen der 60er und 70er in ein einziges Gesicht fassen liessen, so trüge es das von Oliver Hardy. Das einzige andere, das mir noch einfiele ... mal kucken.

Die Sendungen über Rumänien und Patagonien, die uns Elaine zu ZWEI JAHRE FERIEN empfohlen hat, habe ich leider verpasst. Hoffe, das kommt wieder.

Herzliche Grüsse und "ken ar wech-all" (bis zum nächsten Mal).

loe



Beiträge: 90

14.05.2019 23:17
#529 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

ZWEI JAHRE FERIEN (Buch: Original versus (gekürzte) deutsche Übersetzungen)

Wie Swiftnick schon 2007 festgestellt hat: Die modernen deutschen Übersetzungen sind nicht aus sprachlichen Gründen kürzer als das französische Original, sondern wegen etlicher Auslassungen. Manche dieser Auslassungen bestehen bloss aus Satzteilen, andere aus (mehreren) Sätzen, und wiederum andere sogar aus ganzen Absätzen.

An sich müssen solche Auslassungen nicht schlecht sein. Denn in ZWEI JAHRE FERIEN gibt es nicht wenige "uninspirierte" Passagen, die bei Verne keine Seltenheit sind und darum auch ohne Verlust weggestrichen werden können.

Was ist aber davon zu halten, dass die modernen deutschen Ausgaben (1968 und 1973) bei den kurzen Beschreibungen der Jungen einfach bestimmte Dinge wegselektionieren!
"Was erlauben [sich] strunzige deutsche Verlage?" Warum vor allem lässt man im modernen Deutschland einfach weg, dass Briant "nicht auf seine äussere Erscheinung bedacht und darum oft nachlässig gekleidet" ist? Eine solche deutsche Auslassung ist doch unerhört, ist geradezu liederlich. Denn Jules Verne hielt diese Dinge sogar ausdrücklich für wichtig (siehe gleich unten). Das erinnert mich ein bisschen an die pädagogisch gereinigten Volksausgaben, die es in Deutschland mal gab.

Beschränken wir uns nur auf die Passage, wo die Jungen vorgestellt werden, und bleiben wir bloss bei den drei Hauptakteuren (Briant, Doniphan, Gordon).
Auch wird eben eine bestimmte Betonung von Verne fallengelassen. Die deutschen Übersetzungen des Buches sagen nämlich zu den Eigenschaften und Beziehungen der jugendlichen Teilnehmer der SLOUGHI-Expedition bloss:

"Ich will sie hier vorstellen." (Erika Gebühr für den Diogenes Verlag, 1973)

"Hier ihre Namen sowie [...]." (Wolf Wondratschek für den Verlag Bärmeier & Nikel, 1968)

Jules Verne betont aber, es sei wichtig ("Il importe que"), diese Eigenschaften und Beziehungen vorzustellen.

Da nun eben beide der modernen deutschen Übersetzungen bei der Beschreibung der Jungen einige Dinge auslassen, lässt auch Wikipedia vieles weg. Diejenigen Dinge, die nicht in den deutschen Übersetzungen und auch nicht in Wikipedia genannt werden, sind hier unten fett markiert. Beim Charakter erkennen wir leicht, dass Briant und Doniphan als Gegensätze angelegt sind:

C h a r a k t e r

BRIANT
nicht sehr fleissig;
sehr intelligent;
nicht auf seine äussere Erscheinung bedacht, darum oft nachlässig gekleidet;
die Schwächsten beschützend vor den Misshandlungen durch Grössere;
frei von sozialer Distinktion; hilfsbereit; allgemein beliebt;
kühn und mutig; unternehmungslustig; körpergewandt; schlagfertig

DONIPHAN
fleissig; ehrgeizig;
intelligent;
auf seine äussere Erscheinung bedacht; elegant; der Auffälligste von allen Jungen;
bemüht, nie von seinem Rang herabzufallen;
aristokratischer Stolz (Standesdünkel); will immer die Hauptrolle spielen; bestimmend

GORDON
der ruhigste und vernünftigste von allen Jungen;
etwas ungeschickt und bedächtig;
ohne den persönlichen Glanz von Doniphan, aber dafür exakt, gründlich und überlegend der Sache dienend;
praktische Veranlagung, die er schon oft unter Beweis gestellt hat;
nimmt alles sehr ernst; guter Beobachter; hält sich zurück;
methodisch vorgehend, mit grosser Sorgfalt und Sinn fürs Detail, ordnet er seine Ideen im Kopf wie die Dinge in seinem Pult;
seine Kameraden schätzen ihn und anerkennen seine Qualitäten

Beziehungen
Es wird nur ein Konflikt genannt, der sich aus zwei Quellen speist:

(1)
Eine jahrelange Rivalität zwischen Briant und Doniphan, herrührend aus Doniphans Charakter und Verhalten, in der letzten Zeit verschärft, weil Briants Einfluss auf seine Kameraden gewachsen ist.

(2)
Ein Neid Doniphans auf Briant, weil dieser dank seiner Geistesgaben der beste Schüler sein kann, wenn er will.

Familienverhältnisse, soziale Herkunft
BRIANT
Sohn eines angesehenen Ingenieurs

DONIPHAN
Sohn reicher Grundbesitzer aus der allerobersten Gesellschaftsschicht Neuseelands

GORDON
Vollwaise im Hause seines Vormunds, eines früheren Konsulatsbeamten, der ein Vermögen gemacht hat

In der Diogenes-Ausgabe wird der Ausdruck "facilité d'assimilation" im Zusammenhang mit Briants Lernfähigkeit doch tatsächlich mit "Anpassungsfähigkeit" übersetzt. Hierfür gebührt Erika Gebühr kein Lob, da sie doch über Gebühr und plump an der äusserlichen Gestalt des Wortes kleben bleibt und daher in eine falsche Kategorie reinplumpst. Die Leichtigkeit, mit der ein Mensch sich beim Lernen Dinge aneignen kann – und davon ist hier die Rede –, nennt sich "Auffassungsgabe". An dieser Textstelle ist das Kognitive gemeint, nicht aber das "intelligente Sozialverhalten". Die erste deutsche Übersetzung (1889) hat dies sehr gut übersetzt und spricht von seinem "leichten Auffassungsvermögen".

Überhaupt ist die Qualität der Übersetzung dieser ersten deutschen Ausgabe von 1889 um Klassen besser als jene der modernen Ausgaben. Aber nicht nur das. Die Ausgabe von 1889 ist im Gegensatz zu den modernen auch noch vollständig, also ohne Auslassungen. Ob sich die Lektüre der ausgelassenen Passagen lohnt, ist eine andere Frage:

Jules Verne: Zwei Jahre Ferien. Bekannte und unbekannte Welten. Abenteuerliche Reisen von Julius Verne, Band LIV–LV, Wien, Pest, Leipzig: A. Hartleben, 1889 (auch erschienen unter den Titeln "Abenteuer auf Chairman" und "Ein Pensionat von Robinsons").

Auf jeden Fall lohnt sich dort die vollständige Beschreibung der Jungen.

Wer nun diesen Text von ZWEI JAHRE FERIEN in Deutsch lesen will, der muss nicht in einer Bibliothek oder im Antiquariat nach dieser alten Ausgabe suchen gehen. Denn der Verlag "Impian GmbH" hat 2018 eine sehr günstige Taschenbuchausgabe (8 Euro) herausgebracht (auch von anderen Verne-Büchern), und zwar auf der Grundlage eben dieser hervorragenden Erstübersetzung ohne Auslassungen.

Mit 480 Seiten hat diese einzige vollständige deutsche Ausgabe genauso viele Seiten wie die französische Originalausgabe! (Die Diogenes-Ausgabe ist ja um 100 Seiten kürzer, und die erbärmliche Ausgabe von Bärmeier & Nikel ist sogar nur halb so lang wie das Original.)

Viel wichtiger und schöner als diese Neuausgabe wäre aber ein vom Thema her ähnliches, aber gleichwohl neues, ganz anderes Buch, das vielleicht eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller eines Tages vorlegen wird. Neptun gebe es, dass dieser Tag eines Tages kommt (und zwar schon früh am Morgen) und wir das noch erleben, vielleicht sogar noch die Verfilmung.

loe



Beiträge: 90

15.05.2019 17:10
#530 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

ZWEI JAHRE FERIEN (Buch: Zur Übersetzung der Eigenschaften von Briant)

Muss meinen gestrigen Beitrag zur Figur des Briant korrigieren und präzisieren:

In der guten ersten deutschen Übersetzung von 1889 steht sinngetreu:

"Übrigens ist Briant kühn, unternehmend, in allen körperlichen Übungen geschickt, nicht mundfaul und gleich mit einer Gegenrede bei der Hand, sonst aber ein hilfsbereiter guter Junge, ohne den Stolz Doniphan's, ja bezüglich der äusseren Erscheinung sogar etwas nachlässig – kurz, er ist vom Scheitel bis zur Zehe Franzose und unterscheidet sich schon deshalb wesentlich von seinen englischen Kameraden."

A. Wir stellen fest:

(1)
Der Ausdruck "kurz [gesagt], er ist ... Franzose" bezieht sich auf den ganzen Satz (und davon genau auf 37 Wörter).

(2)
Zur äusseren Erscheinung Briants heisst es im Original bei Jules Verne:
"[…] n'ayant rien de la morgue de Doniphan, un peu débraillé, par exemple et manquant de tenue […]."

Deutsch:
"Briant ist im Gegensatz zu Doniphan frei von Standesdünkel, was sich zum Beispiel daran zeigt, dass er unordentlich und nachlässig gekleidet ist."


B. Wir erkennen:
Jules Verne zeigt die unordentliche Kleidung bei Briant nur als ein Beispiel für diesen Gegensatz zwischen Briant und eben Doniphans Stolz (Standesbewusstsein, Hochnäsigkeit).
Mit anderen Worten: Briant legt keinen Wert darauf, durch Äusserlichkeiten seine soziale Herkunft zu zeigen. Das ist der Witz dieser Passage.

C. Wir untersuchen die deutschen Übersetzungen:

Erstübersetzung (1889):
"[...] ohne den Stolz Doniphan's, ja bezüglich der äusseren Erscheinung sogar etwas nachlässig […]"

Wir sehen:
In der ersten und sehr guten Übersetzung ist dieser bloss beispielhafte (und positive) Gegensatz zu Doniphan zwar abgeschwächt, aber noch erkennbar enthalten!

Bärmeier & Nikel (1968):
"Briant ist von der Zehe bis zum Haar ein echter Franzose, unternehmungslustig, kühn und etwas lässig gekleidet."

Hoppla! Hier ist das blosse Beispiel von Briants (positiv gewerteter) nachlässiger Kleidung als Gegensatz zu Doniphans Standesdünkel völlig verschwunden! Aber nicht nur das! Es hat eine semantische Verschiebung stattgefunden:
Briants lässige Kleidung wird in Deutschland 1968 auf einmal als "typisch französisch" verstanden, aber nicht mehr als das, was es im Original war, nämlich ein beispielhafter Ausdruck dafür, dass Briant sich aus einem Standesbewusstsein in der Darstellung nach aussen überhaupt nichts macht! Herr Übersetzer Wondratschek, das ist eine grobe Verfälschung!

Diogenes (1973):
"[…] kurz, ein guter Kerl, der nichts von Doniphans Dünkel besitzt. Ein echter Franzose, ein wenig nachlässig in Kleidung und Haltung, aber immer auf Seiten der Schwachen gegen die Stärkeren […]."

Hoppladihopp! Hier wird die gleiche Verfälschung übernommen und noch verschlimmert: Briants Nachlässigkeit in der Kleidung ist nicht mehr als sympathischer Gegensatz zu Doniphans Auftreten dargestellt. So weit waren wir schon 1968 bei Wondratschek.

Nein, mehr noch:
Bei Diogenes, einem Schweizer Verlag, wird aus der Übersetzung einer ungenannt sein wollenden deutschen Dame, namens Erika Gebühr:

"Ein echter Franzose, ein wenig nachlässig in Kleidung und HALTUNG."

Aha, nicht mehr "Kleidung", sondern "Kleidung u n d Haltung sind nachlässig. Und neu auf "Franzose" bezogen! Der Begriff "Haltung" ist wie Käsefondue dehnbar von der Physiotherapie bis zur NS-Ideologie. Und völlig davon entkoppelt, dass es im Original auf Doniphan bezogen war, nämlich als ein positives Beispiel eines Gegensatzes! Das ist eine grobfahrlässige Sinnentstellung.

D. Ergebnis

"Waaaaaauuuuuuuuuuuuuuuuhhhhhhhh!" (Phann, der bellen und heulen kann.)

"Beiss sie, Phann, beiss sie beide in den Po!"

Elaine



Beiträge: 332

15.05.2019 20:52
#531 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

Ich muss gestehen, dass ich vor lauter "Mühe und Arbeit" (sowie Verspeisen "meines Brotes im Schweiße meines Angesichts"), die viele Stunden pro Tag in Anspruch nehmen, nicht mehr damit hinterher komme, (mehr oder weniger) geistreiche Kommentare zu Deinen vielen interessanten Beiträgen abzugeben, lieber Leo!
Meine "Fleiß-Sternchen" (so ich sie denn bekäme) verdien(t)e ich grade im Job sowie Haus und Hof...

Ja, zu freie, sinnentstellende Übersetzungen gehen gar nicht!! Ich habe selbst übersetzt (wenngleich nur in meiner Magister-Arbeit), und habe mich immer so eng wie möglich ans Original gehalten - dabei ging es um eine Sprache, die mit dem Deutschen so gar nicht verwandt ist, worin es also vieles schwer Übersetzbare gibt.

Noch ein paar Anmerkungen zu vor-vor-vorherigen Beiträgen:
Nicht dass jetzt jemand denkt, ich spänne Seemannsgarn ("aufheulender Wind" und so)... So ein Segelschiffs-Rigg ist einfach eine einzige große Äolsharfe, und wenn der Wind ein bisschen auffrischt, beginnt es - über das Rauschen des Meeres hinweg, das schon laut genug ist - sein schön-schauriges Liedchen zu singen.

Aber wenn Du meinst, ich hätte so viel von meiner kostbaren Lebenszeit, die mir keiner zurückgibt, auf einen (Monsieur) Forbes (mit oder ohne philosophische Anwandlungen) verwendet, dann irrst Du Dich sehr.
Im 19. Jh. hätte ich wahrscheinlich im Stile einer handfesten Hamburger Deern gesagt: "Nicht lang schnacken, Kopp vom Nacken!"
Hätte ich den Richter von dieser überaus zeitsparenden Vorgehensweise nicht überzeugen können, hätte ich mich nach einer brauchbaren Gefängnisinsel in der Art von Alcatraz oder der Île des Pins umgetan, um ihn zukünftig sicher von derartiger weiterer "Kneepe" abzuhalten.
Heutzutage würde ich auf Maßregelvollzug oder Sicherungsverwahrung plädieren, und über die dortigen Therapeuten milde denken (wie der buddhistische Mönch bei Rudyard Kipling, "Kim"): "Let them acquire merit..." - wohl wissend, dass die dortigen Delinquenten nicht sonderlich veränderungswillig sind

loe



Beiträge: 90

18.05.2019 16:49
#532 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

ZWEI JAHRE FERIEN (Buch)

Bei dieser Textstelle über Briant handelt es sich nicht um ein magistrales, hochvertracktes Übersetzungsproblem, das die Grenzen der Übersetzbarkeit berührt, so wie Du es, liebe Elaine, in Fülle vor Dir gehabt hast. Das wäre verzeihlich. Verzeihlich sind auch Fehler und Unfähigkeit, die wir bei uns selber auch erleben. Aber im vorliegenden Fall kommt ja noch Unverantwortlichkeit hinzu.

Bei unserer Textstelle geht es um eine einfache Sache, die ein 12-jähriger Schüler korrekt hätte übersetzen können (und müssen).

Übrigens kann man durchaus "tenue" als "Haltung" übersetzen (im Sinn von: "Auftreten", "Benehmen"). Aber wenn man dieses sehr heikle Kaugummi-Wort verwendet, so muss man höchst verantwortlich darauf achten, in welchen Bezügen es steht.

Modern gesprochen sagt Jules Verne:

"Vom Snobismus Doniphans hat Briant gar nichts, was sich zum Beispiel in seiner etwas nachlässigen Kleidung und seiner Unbeständigkeit zeigt."

Das ist positiv verstanden: Briant zeigt eben NICHT die Haltung (das Auftreten) des Snobs wie Doniphan, der ehrgeizig immer der Vornehmste und Erste sein will.
Just davor sagt Jules Verne nämlich: Briant ist ein bisschen faul. Wenn er will, ist er der Allererste, wenn er aber nicht will, ist er manchmal sogar unter den Letzten in der Schule. Es fehlt Briant also an Beständigkeit! Das heisst: Seine "fehlende Haltung" ist die Unbeständigkeit desjenigen, der sich nicht ehrgeizig immer als Vornehmster, Erster und Bester darstellen will.

Aber was macht die Übersetzerin Erika Gebühr 1973 daraus?

"Ein echter Franzose, ein wenig nachlässig in Kleidung und Haltung […]."

Das ist doch ungeheuerlich! Frau Gebühr löst den Bezug auf, nämlich das blosse Beispiel des Gegensatzes zum Snobismus Doniphans. Und Frau Gebühr bringt zum Verschwinden, dass die "fehlende Haltung" Briants in einer positiven RELATION zu Doniphans Haltung steht. Stattdessen setzt Frau Gebühr neu die "nachlässige Haltung" bei Briant ABSOLUT und markiert sie als typisch französisch.

So schafft Frau Gebühr eine neue Bedeutung und stellt sie an die Stelle des Originals, die nicht mehr sichtbar ist.

Hätte ein 12-jähriges Kind in mir bekannten Schulen anfangs der 70er Jahre, als das Züchtigungsrecht des Lehrers noch gegeben war, so bekloppt und unverantwortlich übersetzt, so hätte der Lehrer dem Kind das Buch um die Ohren gehauen. Zum Glück ist dieses Recht gefallen! Man könnte aber fast auf den Gedanken kommen, dass es etwas nachzuholen gibt, was für die Generation der beiden Übersetzer noch üblich war.

Erstaunlich: Die alte Übersetzung von 1889 unterscheidet sich in glänzender Weise von diesem unverantwortlichen Murks. Es lebe der Rückschritt des Fortschritts!

loe



Beiträge: 90

18.05.2019 17:01
#533 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

Liebe Elaine, eine Beschäftigung mit Forbes (Film ZJF) ist niemals eine "Verschwendung von Lebenszeit",
sondern immer ein Gewinn, auch wenn die Mühen, die wir in die Ausarbeitung unseres Plädoyers gesetzt haben,
nicht die Wirkung erzielt, die wir uns erhofft hatten und die sie vielleicht verdient hätte.

loe



Beiträge: 90

18.05.2019 17:16
#534 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

Korrektur:

…immer ein Gewinn, auch wenn die MÜHE, die wir in die Ausarbeitung unseres Plädoyers gesetzt haben, nicht die Wirkung erzielt…

loe



Beiträge: 90

25.05.2019 00:25
#535 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

ZWEI JAHRE FERIEN: Die letzten Sätze



A. Vergleich: Buch versus Film


B u c h (über die Wirkung der Tagebuch-Veröffentlichung von B a x t e r)

"Gordons Klugheit, Briants Selbstlosigkeit, Doniphans Unerschrockenheit,
die Gelassenheit aller, klein und gross, wurden in der ganzen Welt bewundert."


F i l m (aus den Schlussworten von Dick Sand über die Wirkung der Buchveröffentlichung von D o n i p h a n )

"Gordons Klugheit, Briants Hilfsbereitschaft, Services Freundlichkeit und die Vorzüge der anderen,
vor allem Doniphans Unerschrockenheit und Tapferkeit, wurden in der ganzen Welt bewundert."


Indem der Film nun Doniphan zum Autoren des Buches macht, k ö n n t e man das Lob für Doniphan auf die Wirkung eines Selbstlobes zurückführen (gerade in Anbetracht seines gezeichneten Charakters).
Auf jeden Fall wird durch diese Selbstbezüglichkeit die Objektivität von Doniphans Vorzügen geschwächt im Vergleich zu Jules Vernes Buch, wo Baxter der Autor jener Schilderungen ist, die das Lob bewirken.

Interessant ist auch die im Film vorgenommene raffinierte Rückversetzung von Doniphan in die Gruppe "der anderen", also nach der Verteilung von Gold, Silber und Bronze!
Schön ist: Der Film führt für Service, der an dieser Stelle im Buch gar keine Erwähnung findet, einen eigenen Vorzug ins Feld.



B. Buch: Übersetzung des letzten Absatzes

Ein guter Lehrer sagte uns zur Kunst des Übersetzens einmal:

"So frei wie möglich und so wörtlich wie nötig!"

Besser und kürzer kann man die schwierige Balance nicht auf den Punkt bringen.
Das entscheidende Wort in dieser sich auftuenden Spanne, die es zu meistern gilt, ist eben das verbindende "und", welches das Mögliche mit dem Notwendigen verschränkt.

Sehen wir uns in Jules Vernes Buch "Zwei Jahre Ferien" die allerletzten Worte an:



Die deutsche Erstübersetzung von 1889 ist vielleicht etwas pathetisch und verstaubt, aber doch sinngetreu:

"Was soll aber als Moral dieser Erzählung, welche wohl mit Recht den Titel »Zwei Jahre Ferien« führt, in der Erinnerung junger Leser haften bleiben?

Niemals vielleicht werden Zöglinge eines Pensionats während ihrer Ferien so schweren Prüfungen ausgesetzt sein.
Doch – das mögen sich Alle merken – bei regem Ordnungssinn, Eifer und Muth gibt es keine noch so gefährliche Lebenslage,
aus der man sich nicht zu befreien vermöchte.
Vorzüglich sollen sie sich erinnern, wenn sie an die jungen Schiffbrüchigen vom »Sloughi« denken,
die unter den schwersten Prüfungen und der härtesten Lehrzeit für dieses Leben heranreiften,
daß die Kleinen derselben fast als Große und die Großen fast als Männer in die langentbehrte Heimat zurückkehrten."

Nun ja, also nichts gegen die deutsche Vaterlandsliebe, aber von "langentbehrter Heimat" steht bei Jules Verne einfach nichts!
Und die "schweren Prüfungen" sind unnötigerweise verdoppelt.
Gleichwohl ist das sinngetreu.



Im Mai 2019 neuzeitlich-frisch vom Original übersetzt:

"Und das ist es, was wir als Lektion von dieser Erzählung behalten, die, so erscheint es uns, ihren Titel "Zwei Jahre Ferien" rechtfertigt:

Gewiss werden Schüler eines Internats niemals unter solchen Bedingungen ihre Ferien verbringen müssen.
Aber - dass alle Kinder das beherzigen -, mit Selbstüberwindung, Tatkraft und Mut gibt es keine Situation,
so gefährlich sie auch sein mag, aus der wir uns nicht retten können.
Vor allem sollten sie nicht vergessen, indem sie an an die jungen Schiffbrüchigen der "Sloughi" denken,
die durch die Prüfungen und Tatsachen der harten Lebensschule gereift sind,
dass die Kinder nach ihrer Rückkehr fast Grosse waren, und die Grossen fast Männer."



Kommen wir nun aber zum Gipfel deutscher Übersetzungskunst, nämlich zu Erika Gebühr (1973):

"Und noch ein letztes Wort: 'Zwei Jahre Ferien', davon träumt gewiss jeder Junge, wenn ihm die Schule zum Halse heraushängt,
aber auch auf einer einsamen und noch so herrlichen Insel muss man sich zusammenreissen, Ordnung halten und sich auf die anderen einstellen, wenn man überleben will."

Das ist so ungebührlich frei und zugleich so unordentlich weglassend übersetzt, dass es jedem zum Halse heraushängt und den Geduldsfaden auseinanderreisst.

Es sei nur eine einzige Sache aus diesem Mist ins Auge gefasst:
Auch wenn wir Heutigen keine Moral von Verne mehr hören wollen, so ist doch das, was uns laut Buch aus jeder Situation retten kann, an "alle Kinder" gerichtet.
Da steht nichts von diesem "jeden Jungen" der Übersetzerin. Warum die Ausschliessung der Mädchen?
Wenn im Original des 19. Jahrhunderts "Selbstüberwindung, Tatkraft und Mut" sich auch auf Mädchen beziehen konnte, sollte eine Übersetzerin das nicht 1973 bloss auf Buben verengen. Die Übersetzerin macht ZWEI JAHRE FERIEN kraft eigenmächtiger Verfälschung des Wortlauts zu einer Bubengeschichte.
Das ist lustig, weil man über den Film oft liest, er sei ein "Mädchenfilm".
Merkwürdig.
1975, bloss ein Jahr nach ZWEI JAHRE FERIEN, erschien der grossartige Film PICNIC AT HANGING ROCK, der von einer Gruppe von Mädchen in einem Mädcheninternat handelt.
Über diesen Film sagt auch niemand, er sei ein "Bubenfilm". Oder eine "Mädchengeschichte".



Falls jemand den Originaltext von Jules Verne selbst übersetzen oder in eine internetbasierte Übersetzungsmaschine eingeben möchte, so sei er hier gegeben:

"Et, comme conclusion morale, voici ce qu'il convient de retenir de ce récit, qui justifie, semble-t-il, son titre de "Deux Ans de vacances":

Jamais, sans doute, les élèves d'un pensionnat ne seront exposés à passer leurs vacances dans de pareilles conditions.
Mais - que tous les enfants le sachent bien -, avec de l'ordre, du zèle, du courage, il n'est pas de situations,
si périlleuses soient-elles, dont on ne puisse se tirer.
Surtout, qu'ils n'oublient pas, en songeant aux jeunes naufragés du "Slouhgi",
mûris par les épreuves et faits au dur apprentissage de l'existence,
qu'à leur retour, les petits étaient presque des grands, les grands presque des hommes.



Falls jemand bezweifelt, dass 12-jährige Kinder solche einfachen Texte übersetzen können (unendlich besser als Wolf Wondratschek und Erika Gebühr), der höre einmal, was ein 8- bis 10-jähriges Berliner Kind im Jahre 1820 in der Schule leisten musste, konnte und wollte, also vor genau 200 Jahren:

"… so wurde ich, kaum acht Jahre alt, in die Cauersche Anstalt gebracht …
Die Hauptunterrichtsgegenstände, auf welche bei weitem das grösste Gewicht gelegt wurde, waren [Alt-]Griechisch, Mathematik und Musik. […]
Im Gegensatz zu der sonst überall befolgten Methode lernten die Knaben zuerst [Alt-]Griechisch und bekamen lateinischen Unterricht viel später …
Auch die Anfangsgründe der Geometrie wurden schon den kleinsten Knaben beigebracht.
[…] Im Herbste 1820 sammelte der Lehrer dann sieben oder acht von uns um sich, und begann das erste Buch der Odyssee zu erklären.
Herr S. … verstand es von Anfang an, uns seinen Unterricht so lieb zu machen, dass wir die Zeit von einer Stunde bis zur anderen kaum erwarten konnten.
Die unvergleichliche Einleitung des Gedichtes … erfüllte uns mit brennendem Verlangen,
recht viel von diesen Dingen zu erfahren, und voll Ungeduld eilten wir von einem Vers zu dem anderen …
Ich war, um dies hier zu erwähnen, noch nicht elf Jahre alt, als wir, ausser einer guten Zahl homerischer Gesänge,
auch bereits mehrere Bücher des Herodot, und die platonischen Gespräche Kriton und die Apologie des Sokrates gelesen, und vollkommen verstanden hatten.
Die letztgenannte Schrift fanden wir so entzückend, dass mein junger Freund M. … und ich die Apologie bald ganz und gar auswendig hersagen konnten,
und uns in den Freistunden damit unterhielten, dieselben dramatisch aufzuführen."
(Katharina Rutschky: Deutsche Kinderchronik. 400 Jahre Kindheitsgeschichte. Wunsch- und Schreckensbilder aus vier Jahrhunderten (1983). Köln 2003, S. 371 ff.)

Also, 8-jährige Kinder beginnen mit Altgriechisch und Geometrie!
10-jährige Kinder übersetzen aus Homers Odysee, aus den Schriften des Herodot und aus den Dialogen Platons. Und in den freien Stunden setzen sie diese recht anspruchvollen Dialoge (Argumentationen) szenisch um, aus freiem Antrieb in ihrer freien Zeit!

Auf jeden Fall kann man also von einem 12-jährigen Kind eine sorgfältige Übersetzung von "Zwei Jahre Ferien" verlangen (welche die erwachsenenen Übersetzer Wondratschek und Gebühr zu leisten nicht fähig waren), wenn wir eben diese Aufgabe mit dem Übersetzen von Platon, Herodot und Homer durch 10-jährige Kinder vergleichen.

Elaine



Beiträge: 332

25.05.2019 10:10
#536 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

... ich weiß nicht, was sich so manche Übersetzer beim Übersetzen eigentlich gedacht haben... Einige ältere Übersetzungen von "Moby Dick" sind ähnlich schräg. Die neuere Übersetzung vom "Herrn der Ringe" auch (da ist die ältere die Bessere - jedenfalls für meinen Geschmack).

Da wir gerade bei französischen (Kunst-) Werken sind:

Auf arte kommt am 03.06. um 20:15 Uhr (´mal wieder) "Que la bête meure", "Das Biest muss sterben", mit einem sehr jungen Marc diNapoli, der seine Sache sehr gut macht... in einem echt gruseligen Film. Er lief vor ein paar Jahren schon ´mal bei arte - ich habe bloß eine Weile ´reingeguckt und es nicht bis zum Ende ausgehalten.

Ein Fernsehtipp also nur für starke Nerven.

Mariposa



Beiträge: 861

25.05.2019 19:42
#537 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

Prima Tipp, liebe Elaine. Danke !!! Darauf habe ich schon seit längerem gewartet. Und ich kann das sogar gucken ohne aufzeichnen zu muessen !!!

Nicht nur ein sehr junger Marc di Napoli spielt da mit sondern auch ein noch jüngerer Stephane die Napoli. Zwei Fliegen mit einer Klappe oder zwei di Napolis in einer Sendung. Volltreffer !!!

Oh mia bella Napoli ... oder ... mios bellos Napolis. Klingt irgendwie nach Wauwaus ...

Spielt auch noch in der Bretagne !!! Das Biest meine ich. Da haben sich die Gebrüder di Napoli wohl gleichzeitig in den Landstrich verguckt.

Ich habe das Gefühl, ARTE liest bei uns mit. Weiter so !!! Die anderen Filme bei dem der ganz junge POLY Serien Hauptdarsteller mitgewirkt hat, könnten sie auch mal wiederholen oder zeigen. War damals ja noch sooo klein.

La tête d'horloge würde ich auch gerne mal sehen.

Soviel Wunschzettel muss fürs erste reichen.

Avec les meilleurs souvenirs oder KENAVO
MARIPOSA

loe



Beiträge: 90

26.05.2019 21:37
#538 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

Danke, teure Elaine, für den bullenheissen Filmtipp!

Diesen Film habe ich noch nie gesehen! Den gilt es nicht zu verpassen.

Freue mich auf die Première. Davor gibt es für einen echten Nostalgiker einiges zu tun:

Nach der Ausstrahlung zuerst die Aufnahme vom Festplattenrekorder auf VHS kopieren.

Dann aus dem Keller den alten Röhrenfernseher raufholen. Anschliessen. Cassette reinschieben, fertig.

Hierauf das Uwe-Seeler-Poster wieder an die Wand hängen.

Nun ein paar Lieder von Jimi Hendrix, Cream oder Deep Purple zur Einstimmung.

Zuletzt eine Afri-Cola, Ruhe und dann: "Vorhang auf, Film ab!

Mariposa



Beiträge: 861

27.05.2019 00:08
#539 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

Also bei meinem ersten Freund hing ein Mark-Spitz-Poster in Lebensgröße an der Wand. In Badekleidung !!! Weiss gar nicht mehr, wegen wem ich lieber aufs Zimmer ging ;-)

BRAVO machte das damals möglich !!!

MARIPOSA

Mariposa



Beiträge: 861

06.06.2019 16:19
#540 RE: Romanvorlagen für und Drehorte von Vierteilern Antworten

Wie war Euer Eindruck?

Also ich fand DAS BIEST MUSS STERBEN zwar sehr spannend aber nicht gruselig. Da gibt es etliche Filme, die ich als gruseliger in Erinnerung habe. Offen gestanden bin ich zwischendurch mal eingeduselt.

Kommissar Georges Dupin aus den Bretagne-Krimis im Ersten hätte den Fall bestimmt schneller gelöst. Aber den gab es damals noch nicht. Der war 1969 noch flüssig.

Habe natürlich die ganze Zeit auf der Lauer gelegen, wann Marc di Napoli ins Bild kommt. Für seine jungen Jahre hat er seine Sache prima gemacht. Sein "kleiner" Bruder Stéphane war anfangs zu sehen. Nachdem er im Film den Unfalltod gestorben ist, brauchte ich diesbezüglich ja nicht mehr aufzupassen.

Ich hatte den Film in Vor-Forum-Zeiten schon mal gesehen (zumindest einige Szenen) aber wahrscheinlich nicht verstanden. Das einzige an was ich mich erinnere ist dass Kasatschok getanzt wurde. War wohl in meiner Doktor-Schiwago-Phase oder in der Doktor-Schiwago-Phase meiner Mutter, dass ich mich ausgerechnet an den Tanz erinnere. An sonst nichts !!! Im Jahre 1993 wurde er auch im Saarbrücker Kino Achteinhalb gezeigt. Damals habe ich ihm aber keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, da gab es andere Prioritäten.

War Jahre später noch ein Späßchen in den Ferienclubs, dass die Feriengäste Kasatschok tanzen mussten.

Neugierige Gruesse
MARIPOSA

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